Mönchengladbach. Dr. Hans Peter Schlegelmilch ist Geschäftsführer des Engineering-Dienstleisters imat-uve und Vordenker in Sachen Digitalisierung und Start-ups. Mit dieser Kombination sollen in einem firrmeneigenen Inkubator im Monforts Quartier moderne Dienstleistungs-Ideen entwickelt werden.

 

Herr Dr. Schlegelmilch, zunächst ein kurzer Blick zurück: imat-uve hat seit drei Jahren neben der Firmenzentrale an der Krefelder Straße ein zweites Zuhause im Monforts Quartier. Was waren seinerzeit die Gründe für die Expansion ausgerechnet an dieser Stelle – praktisch auf der Grenze zwischen Mönchengladbach und Rheydt?

Dr. Hans Peter Schlegelmilch: Die Expansion hatte zunächst einmal den Grund, dass wir nach starkem Wachstum dringend mehr Platz brauchten. Außerdem wollten wir unsere Materialbibliothek in ein adäquates Umfeld setzen. Das Monforts Quartier ist ein höchstspannendes Areal. Mit dem Textiltechnikum der Stadt als Nachbarn haben wir eine großartige inhaltliche Anbindung an die Textilindustrie und damit auch an die Mönchengladbacher Historie. Die Nähe zur Hochschule bringt zusätzlich viele Vorteile. Wir pflegen sehr gute Kontakte zu den Fachbereichen Textil und Design. Inzwischen finden sogar Seminare der Hochschule in unseren Räumen statt.

Herzstück der Räume im Monforts Quartier ist Ihre Material-Bibliothek. Was finden Besucher dort, und wofür wird sie genutzt?

Erstmal finden sie einen sehr inspirierenden und kreativen Ort, an dem man sich gerne aufhält. Die Materialbibliothek lässt außerdem unsere Dienstleistungen greifbar werden. Hier verbinden sich Design, Entwicklung, Konstruktion und Testing. Am Beispiel von Material erklären wir, an welchen Stellen der Produktionskette wir für unsere Kunden da sein können. Das heißt, von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt. Andere Materialbibliotheken sind oft bloße Sammlungen ohne weiterführende Leistungen. Bei uns sind technische Kennzahlen der Mehrwert für den Kunden. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal.

„Wir wollen selbst das
Thema Digitalisierung vorantreiben“

Derzeit plant imat-uve die Erweiterung der Büroflächen im Monforts Quartier um rund 600 Quadratmeter. Dort soll eine Art Inkubator, ein Gründerzentrum entstehen. Was hat es damit auf sich?

Die Renovierung ist gerade abgeschlossen, die Räume sind jetzt bezugsfertig. Wir wollen selbst das Thema Digitalisierung intensiv vorantreiben. Insofern haben wir überlegt, welche digitalen Dienstleistungen wir zukünftig anbieten können, um unser Marktumfeld disruptiv zu verändern. Daraus sind einige Projekte entstanden, die in den neuen Räumen ihre kreative Umgebung finden sollen.

 

 

Im Rahmen von Workshops, die auf den neuen Flächen stattfinden werden, sollen vor allem Mitarbeiter aus dem eigenen Haus an neuen Ideen arbeiten. Warum soll das nicht in den bestehenden Räumen, sondern in neuer Umgebung geschehen?

Wir sind der Meinung, dass Innovationsprojekte ein besonderes Arbeitsumfeld benötigen, so dass eine Herauslösung aus dem Bestand erstmal wichtig ist. Hier muss „Raum“ zum Denken und Experimentieren gelassen werden. Ganz im Sinne eines Start-ups sollen auch die Strukturen und Prozesse flexibel sein.

Sollen daraus im Idealfall eigene Start-ups entstehen?

Ja, das kann sich ergeben. Wenn eine Idee sich als so erfolgsversprechend entwickelt, wäre das durchaus denkbar.

Inhaltlicher Schwerpunkt der Workshops soll der Entwicklungsprozess in der frühen Prototypen-Phase neuer Produkte in Sachen Design und Technologie sein. Welche konkreten Erwartungen haben Sie an Ihr neues „Gründerzentrum“?

Hier sollen unsere Mitarbeiter den nötigen Freiraum erhalten, Ideen zu finden und zu entwickeln. Auch Scheitern ist erlaubt. Ganz konkret sollen aber daraus lebensfähige Geschäftsmodelle entstehen, denn wir wollen auch zukünftig Geld verdienen. Das Gründerzentrum hilft uns dabei, ganz neue Wege zu gehen. Disruption bedeutet an dieser Stelle, dass wir selbst proaktiv gestalten wollen, und nicht nur auf Veränderungen reagieren. Wir gehen da recht aggressiv vor, da wir als Mittelständler noch die entsprechende Flexibilität haben, aber vor allem den festen Willen, weiterhin vorweg zu gehen und die Branche anzutreiben.

„Auf disruptive Veränderungen
in der Branche reagieren“

 

Sie planen außerdem, ein externes Start-up ins Unternehmen zu holen. Aus welcher Branche sollte dies sein, und was bezwecken Sie damit?

Die Branche ist nicht zwingend vorgegeben. Wenn es zum Thema Automobil passt, macht es Sinn, aber ist kein Muss. Ideal wäre ein Start-up, das sich im digitalen Bereich tummelt. Wir erhoffen uns davon zum ainen den motivierenden Gründergeist und zum anderen auch Synergien, die bei Entwicklungen des Start-ups und unseren eigenen Projekten entstehen. Es könnte zum Beispiel ein App-Entwickler sein.

Warum holt sich ein Unternehmen wie imat-uve generell den „Start-up-Geist“ unter sein eigenes Dach?

Echte Innovationen brauchen Freiheit ohne Schranken im Kopf, um sich entfalten zu können. Unsere herkömmlichen Arbeitsprozesse sind zu starr. Deshalb möchten wir neuen Ideen eine Plattform geben, die losgelöst ist von der Organisations- und Prozessmatrix, damit ein Gründergeist überhaupt aufkommen kann. Hinzu kommt, dass wir selbst die Zerstörung unseres bisherigen Geschäftsmodells durch die Digitalisierung antizipieren und daher jetzt aktiv die Weichen für unsere Zukunft stellen.

Ist dieses Projekt für imat-uve ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur digitalen Transformation des Unternehmens?

Ja, auf jeden Fall. Wir brauchen diese neuen Ideen, wie wir unsere Dienstleistungen mit Hilfe von Digitalisierung verändern und zukunftsfähig machen können. Der Markt ist sehr in Bewegung. Wer das jetzt verschläft, hat vielleicht in einigen Jahren keine Kunden mehr. Wir sind zum Glück in den Strukturen flexibel genug, um den Markt anzugreifen. Vorbereitet haben wir das bereits 2008/2009 während der Finanzkrise.

Anfang September waren Sie auf Einladung der NRW.International GmbH in Kooperation mit der AHK/German-Israeli Chamber of Industry & Commerce zu Besuch im „Silicon Wadi“, dem Silicon Valley von Israel. Welche Eindrücke haben Sie von dort mitgebracht?

Es war eine sehr interessante und inspirierende Reise. Im Silicon Wadi findet man eine Fülle an technologischen Innovationen. Das ist absolut begeisternd. Ich habe mir einiges von dem „Spirit“ mitgenommen und möchte das auch in mein Unternehmen einbringen. Die Besuche in Israel und auch im Silicon Valley im Frühjahr dieses Jahres haben mich nachhaltig beeindruckt und waren meine Highlights in 2017.

Bei der „German-Israeli Pitch Night“ durften Sie vor 150 Investoren und Unternehmern ein imat-Projekt zur Sammlung und Verarbeitung von User Experience (UX) Daten in Bezug auf Materialien mit Hilfe neurowissenschaftlicher Verfahren und Methoden der Artificial Intelligence (AI) vorstellen. Worum geht es bei diesem Projekt?

Wir haben ein User Experience Lab aufgebaut, das zum Ziel hat, Nutzererfahrungen anhand neurowissenschaftlicher Messmethoden zu erfassen. Das sind zum Beispiel Sinneswahrnehmungen, wie Riechen oder Fühlen, die mit Hilfe von EEG-Messungen aufgezeichnet werden. Durch diese Methode ist eine objektivere Bewertung von Material oder Produkten möglich. Bei den herkömmlichen Techniken, wie etwa Befragungen, verfälschen subjektive Einflussfaktoren (Herkunft, Alter, Bildung etc.) die Ergebnisse. Die gewonnenen UX-Daten fließen dann bei uns zum Beispiel in die Entwicklung von Auto-Bauteilen ein.

Will imat-uve frisch geknüpfte Kontakte zu Start-ups in Israel künftig für eigene Innovationen nutzen?

Vernetzung ist auf jeden Fall wichtig. In unserer globalisierten Welt können wir uns die Experten überall suchen, egal ob in USA, Israel oder Indien. Wir lernen von einander und treiben Entwicklungen gemeinsam voran. Und das geht noch besser, wenn man bereits persönliche Kontakte hergestellt hat.

Die Fragen an imat-uve-Geschäftsführer
Dr. Hans Peter Schlegelmilch
stellte
Wirtschaftsstandort-Redakteur Jan Finken
Fotos: imat-uve / Archiv

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