Mönchengladbach. Das Büro Schrammen Architekten BDA feiert im Juni sein 30-jähriges Bestehen. Im ausführlichen Gespräch mit dem Wirtschaftsstandort blickt Inhaber Dr. Burkhard Schrammen auf seine Anfänge zurück, erklärt, warum die Entwicklung des Bahnhofareals richtungsweisend für die Stadt Mönchengladbach sein wird und wie er sein Büro für die Zukunft aufstellt.

 

Herr Dr. Schrammen, zum Beginn gleich die vielleicht spannendste Frage: Wie würden Sie die architektonische Handschrift des Büros Schrammen Architekten BDA beschreiben?
Dr. Burkhard Schrammen: Ja, eine spannende Frage, aber nicht ganz einfach zu beantworten. Eine Handschrift hat immer etwas mit Charakter zu tun. Was unser Büro ausmacht, ist, dass wir auf jede Aufgabe ganz individuell und ergebnisoffen eingehen. Das heißt, wir sagen nicht, dieses oder jenes Gebäude muss genau so aussehen – was man vielleicht unter einer architektonischen Handschrift verstehen würde. Eine Handschrift könnte dazu verführen, dass feststeht, was entsteht – das vermeiden wir. Unsere Handschrift wird geprägt von den Wünschen der Menschen, die zu uns kommen, und von der Umgebung, in der unsere Gebäude-Ensemble entstehen. Für uns ist nicht von vorneherein klar, ob ein Gebäude eine freie oder eine geometrische Form haben wird. Geometrische Formen sind wiederholbar, nicht besonders anspruchsvoll und auf die Dauer langweilig. Wir sehen, sowohl vom Städtebau als auch von der Architektur her, die Raumzusammenhänge als wichtig an – es ist für uns nicht entscheidend, ob diese rund oder eckig sind. Die Qualität muss dagegen in jedem Fall stimmen.

 

Sind Sie manchmal selbst überrascht, was bei Ihren Entwürfen, die Sie ergebnisoffen beginnen, am Ende herauskommt?
Überrascht wäre das falsche Wort. Der Entstehungsprozess ist ein kontinuierliches Zusammenführen sich ständig aktualisierender Informationen. Mit diesem Prozess beschäftigt man sich so lange, bis man die finale Idee gefunden hat. Insofern bleiben Überraschungen in diesem Rahmen aus, aber es macht einen glücklich, wenn man den Punkt erreicht hat, an dem das Konzept zu 100 Prozent steht. Dazu gehört auch, selber nicht zu früh zufrieden zu sein, sondern, wie im sportlichen Wettbewerb, auch mal über die Grenze hinaus zu gehen, um das Optimum herauszuholen. Somit ist nicht das Ergebnis das Überraschende, sondern eher der Prozess.

 

„Es macht einen glücklich, wenn man den Punkt
erreicht hat, an dem das Konzept zu 100 Prozent steht“

 

Noch einmal das Stichwort Handschrift: Ist die Ihres Büros Ihre persönliche, oder die des ganzen Teams?
Grundsätzlich geht es um die Idee für ein Projekt und darum, genau zuzuhören, was der Bauherr erwartet. Das ist es, was ich versuche, meinen Mitarbeitern zu erklären, weil ich es persönlich für ganz wichtig erachte. Bei uns liegen keine fertigen, weil standartisierten Baupläne in der Schublade, bei denen man nicht weiß, ob es sich jetzt um ein Schul- oder Bürogebäude handelt. Wir wollen verstehen, was der Kunde möchte, und definieren anhand dessen das bauliche Ziel. Bei diesen Zielabsprachen bin ich immer dabei, unsere Kreativabteilung entwickelt jedoch im Rahmen von vorbereitenden Workshops entsprechende eigene Vorschläge. Dabei entstehen mehrere Ansätze, und dann ist es ungeheuer wichtig, diese in der gemeinsamen Diskussion zu reflektieren und am Ende den stärksten Ansatz herauszuarbeiten. Ich gebe aber gerne zu, dass ich vor dem Hintergrund meiner rund 35-jährigen Erfahrung als Architekt schon einmal einen Hinweis gebe, welcher der bessere Weg sein könnte… (schmunzelt) Grundsätzlich bin ich bei jedem unserer Aufträge, sei es ein Einfamilienhaus oder ein großes Firmengebäude, von der konzeptionellen Phase bis zum Entwurf beteiligt.

 

Würden Sie sagen, dass Sie schlecht loslassen können und gerne die Kontrolle behalten?
Das können Sie so nennen, aber ich sehe das in einem positiven Kontext. Wir haben eine große Verantwortung gegenüber unseren Bauherren, und jemand muss dafür den Kopf hinhalten. Ich mache das gerne, weil ich meine Tätigkeit nicht als Beruf, sondern als Berufung sehe. Objekte zu planen und sie bis zu ihrer Vollendung zu begleiten ist für mich keine Arbeit, sondern ein Hobby.

 

Nun wird nicht jeder Bauherr mit Ihrem Blick auf die Dinge geboren…
Ja, leider… (lacht)

 

…haben Sie denn schon einmal gegen Ihre eigene Überzeugung geplant und gebaut, weil der Auftraggeber es so wollte?
Nein. Ich weiß ja selber und gebe auch gerne zu, dass ich von Natur aus ein ziemlich sturer Typ bin (lacht). Wenn ich eine bestimmte Idee im Kopf habe, lasse ich diese meistens auch nicht mehr los. Ich versuche nicht, beim Kunden meine Vorschläge durchzudrücken, finde aber, dass es zu meinen Aufgaben gehört, den Bauherren von meinen Vorstellungen zu überzeugen. Dafür scheue ich weder Mühe noch Zeit. Und bislang ist es mir eigentlich immer gelungen – auch nach teils heftigen Diskussionen – ein besseres Verständnis für meine bzw. unsere Sicht der Dinge zu finden. Ich gebe auch gerne zu, dass ich im Verlauf der Auseinandersetzung mit dem Kunden auch Anregungen bekomme und diese mit einfließen lasse. Ohne angeregte und konstruktive Diskussionen fiele mir die Reflexion auf meine Arbeit schwer, deswegen bin ich dafür immer dankbar. Ich lasse mich jedoch ungern vor einen Karren spannen, um wider meine Überzeugung zu handeln; im Zweifel verzichte ich dann lieber auf ein Projekt.

 

Sie arbeiten ständig parallel an verschiedenen Projekten. Gibt es aktuell ein Lieblingsprojekt?
Das wäre ja fatal, wenn ich das so empfinden würde. Wenn Sie mehrere Kinder haben, sagen Sie ja auch nicht einem, dass sie es lieber als die anderen haben (schmunzelt). Es gibt Aufgaben, die anspruchsvoller als andere sind, aber alle werden mit demselben Herzblut angegangen.

 

 

Mit Ihrem Büro realisieren Sie gleichermaßen Wohn-, Büro- und Geschäftsbau. Würden Sie hier inzwischen einen Bereich favorisieren?
Man vergleicht natürlich das Heute mit den Anfängen: Was habe ich damals gemacht, was mache ich jetzt? Das Schöne für mich ist aber, dass sich meine Begeisterung für Architektur nicht verändert hat. Und es ist immer erfrischend, zwischen einer Wohnbebauung und dem Büro- oder Gewerbebau wechseln zu können, weil die Aufgaben total unterschiedlich sind und die handelnden Personen, mit denen man zu tun hat, ebenfalls ganz unterschiedliche Charaktere sind. Insofern kommen keine gefährliche Routine und damit keine Langeweile auf.

 

„Ich bin von Natur aus ein
ziemlich sturer Typ“

 

Verändern sich nicht auch die Ansprüche an Architekturbüros rasant? Themen wie Digitalisierung und Ökologie werden auch für Ihre Branche immer wichtiger.
Verändert haben sich vor allem die Geschwindigkeit, mit der man handeln soll, und die Informationsdichte. Das allgemein zugängliche Wissen ist so groß geworden, dass dies ein Kopf kaum verarbeiten, geschweige denn abrufen kann. Die größte Aufgabe für die Zukunft besteht heutzutage darin, die Komplexität eines Auftrags zu verstehen, zu organisieren und zu lenken. Wir müssen darüber nachdenken, welche Hilfsmittel wir einsetzen können, um das menschliche Gehirn zu stützen und zu verbessern. Zugleich dürfen wir aber bei aller Digitalisierung nicht vergessen, dass der Mensch derselbe geblieben ist. Dieser Konflikt ist gewissermaßen schon mit der Erfindung des Fließbands zutage getreten: Die Maschine gibt den Takt vor, und der Mensch muss reagieren. Die Dynamik, die heute dahinter steht, hat sich damals allerdings keiner vorstellen können. Wir agieren kaum, sondern reagieren nur noch. Dies in eine gesunde Balance zu bekommen, wird die wichtigste Aufgabe für uns in der Zukunft sein. Daraus ergeben sich auch die Konsequenzen für die künftige Arbeitswelt: Der Mensch verändert sich nicht großartig, Automaten und Maschinen werden jedoch immer mächtiger. Die Gefahr, die darin steckt, sollte man spätestens jetzt erkennen, sonst wird man zum Getriebenen.

 

Wie verhindern denn Sie selbst, zum Getriebenen zu werden?
Grundsätzlich halte ich mich nicht für getrieben. Manchmal könnte es dazu kommen, vor allem, wenn die Flut der Mails wieder überhand nimmt. Hier versuche ich, Prioritäten zu setzen: Dringende Mails werden sofort beantwortet, andere, deren Bearbeitung Zeit erlaubt, rücken zugunsten anderer Dinge etwas nach hinten. Ich habe schon vor längerer Zeit erkannt, dass man sich nicht zum Sklaven der Technik oder den meist überzogenen Erwartungen in der heutigen Zeit machen darf. Ich habe da vielleicht auch gut reden, denn als Chef kann ich viele Sachen delegieren und beschränke mich darauf, die Richtung vorzugeben. Auch in Sachen Terminplanung achte ich, zusammen mit meinen Mitarbeitern darauf, dass wir uns nicht zu viel aufhalsen, sondern nur so viele Termine annehmen, dass wir daneben auch noch unsere eigentliche Arbeit schaffen.

 

Wenn Sie einmal über den Mönchengladbacher Tellerrand hinausschauen und sich Architektur in anderen Städten oder Ländern anschauen: Welche Bauwerke gefallen Ihnen besonders, und welche würden Sie am liebsten noch einmal neu planen?
Ich habe mich im Laufe der Jahre natürlich viel mit anderen Architekten beschäftigt, und ich muss sagen, dass das Architekturbüro Herzog & de Meuron in Basel in der Vorgehensweise und im Ansatz, wie sie Projekte bearbeiten, außergewöhnlich ist. Sie setzen eine ungeheure Tiefe ins Detail, haben ein sehe großes ökologisches und ökonomisches Verständnis und überlegen sich jedes Mal sehr, sehr gut, was sie tun. Insofern ist die Elbphilharmonie in Hamburg ein sehr gutes Beispiel für gelungene Architektur – da kann man fast verschmerzen, dass sie am Ende so teuer geworden ist, weil das Ergebnis wenigstens stimmt (lacht). Es gibt aber durchaus auch Gebäude, bei denen ich in der Planung ganz anderer Auffassung gewesen wäre. Da könnte ich Ihnen in Berlin einige Beispiele nennen, wo wir mit unserem Büro auch an einigen Wettbewerben teilgenommen haben und die weitere Entwicklung dieser Objekte deshalb genau verfolgt haben. Beispielsweise das Bundespräsidialamt, eine schwarze Ellipse, mit einem Stein, den man auch auf einem Friedhof verwenden könnte – schwarzer Granit, poliert. Das Amt steht für Kultur und hat auch die Aufgabe, junge Menschen anzusprechen, und vor diesem Hintergrund deckt sich aus meiner Sicht die Art und Weise des Baus nicht mit der angestrebten Aussage. Solche architektonischen Missverständnisse findet man in Berlin öfter. In der Stadt wird im Städtebau unheimlich viel festgelegt und reglementiert, und dann braucht man sich auch nicht wundern, dass die Trends der modernen Architektur an Berlin vorbeiziehen. Das heißt nicht, dass Berlin keine spannende Stadt ist – nur aus architektonischer Sicht eben nicht. Aber auch in Mönchengladbach gibt es natürlich Gebäude, die ich am liebsten abreißen und noch einmal neu bauen würde. Etwa am Hauptbahnhof, aber dort tut sich ja jetzt glücklicherweise eine Menge.

 

Gibt es denn noch einen architektonischen Traum, den Sie sich gerne erfüllen würden?

Den gibt es: ein Hochhaus! Wenn man sich anschaut, welche Typologien von Gebäuden wir im Verlauf der vergangenen 30 Jahre konzipiert haben, dann fehlt mir einfach noch das Hochhaus. Manchmal fragt man sich, ob man sich diesen Traum schon erfüllt hätte, wäre man seinerzeit nach Köln oder in eine andere Großstadt gegangen, um dort zu arbeiten, und nicht in Mönchengladbach. Insgesamt sehe ich das aber ziemlich entspannt, denn ich denke, ich habe als Architekt noch einige Jahre vor mir (lacht). Ich glaube ohnehin, das Hochhaus wird kommen.

 

Hier in Mönchengladbach?
Von mir aus gerne. Ich wüsste auch schon, wo.

 

Und zwar?
Natürlich am Berliner Platz, da passt so ein Ding, auch im Zuge der Strategie mg+, wunderbar hin. Ich hätte aber auch keine Probleme damit gehabt, im Zuge der Planungen für das Gelände Maria Hilf, die ich sehr aufmerksam verfolgt habe, die Häuser dort höher zu bauen. Mönchengladbach verträgt durchaus Landmarken, und Landmarken sind für mich vor allem solche, die man auch in der Höhe sehen kann. Unsere Stadt kann noch einiges an Hochhäusern vertragen.

 

In Mönchengladbach ist so vieles in Bewegung, und ich möchte das gar nicht alles hier noch einmal vertiefen. Stattdessen an Sie die Frage: Was ist von all’ den Projekten, die derzeit in der Planung sind, für die Stadt das wichtigste?
Ich denke, dass das Areal um den Mönchengladbach Hauptbahnhof herum die größte Bedeutung für die weitere Entwicklung der Stadt haben wird. Unabhängig von anderen Standorten, die sich zum Positiven verändern werden, muss hier am dringendsten der Hebel angesetzt werden. Dieses Gebiet verkümmert seit 20 Jahren oder noch länger regelrecht und hat inzwischen einen Status erreicht, der für eine Stadt dieser Größe mehr als inakzeptabel ist. Und dann muss sich fragen, was ich von allen anderen Projekten habe, wenn ich mich andererseits schämen muss, wenn Fremde per Bahn in unsere Stadt kommen. Der Zustand dort ist für mich eine Zumutung, die ich gar nicht mehr mit Worten beschreiben kann. Vor rund 20 Jahren – und das ist in diesem Zusammenhang noch gar nicht so lange her – hatte Düsseldorf genau dieselbe Situation. Da gab es hinter dem Bahnhof nichts, nur Schrott… eine Katastrophe. Dort hat man aber rechtzeitig alles dafür getan, einen der wichtigsten Hot Spots der Stadt, mit jeder Menge Bewegung, auf Vordermann zu bringen. Deswegen bin ich der Meinung, dass wir über alle Projekte gerne reden können, aber die Entwicklung am Bahnhof wird aus meiner Sicht darüber entscheiden, ob die Stadt den Schritt nach vorne schafft.

Die Mobilität der Zukunft wird sich verändern, E-Mobilität wird ein immer größeres Thema werden, aber auch der öffentliche Personennahverkehr wird eine viel größere Bedeutung bekommen. Gerade die kommenden Generationen werden keinen großen Wert mehr auf ein Statussymbol wie ein Auto legen. Für sie sind Carsharing-Modelle viel spannender, das Fahrrad wird als Verkehrsmittel wieder wichtiger werden, und, wie gesagt, auch das Thema Bahnfahren. Anders werden wird die Verkehrsprobleme auf den Straßen nicht lösen können: Schauen Sie sich die Ballungsräume wie Düsseldorf, Köln oder das Ruhrgebiet an: Hier geht zu bestimmten Zeiten auf den Straßen nichts mehr. Ohne neue Konzepte, ohne die Umverteilung auf alternative Fortbewegungsmittel und die Attraktivitätssteigerung eben solcher werden wir den Verkehrskollaps auf den Straßen nicht aufhalten können. Mönchengladbach muss sein Mobilitätskonzept hinterfragen, und in diesem Zusammenhang ist die Aufwertung des Bahnhofs und dessen Umfeld das zentrale Thema.

 

Ich habe eben nach Ihren Lieblingsprojekten gefragt und tue dies noch einmal: Sie sind hier in Mönchengladbach mit Planungen unter anderem an der Steinmetzstraße, in Eicken und am Abteiberg aktiv. Sind diese nicht doch Herzensangelegenheiten – eben weil es Heimat ist?
Herzensangelegenheiten ja, aber nicht mehr als bei anderen Projekten. Wenn Sie in einer Stadt leben oder sich mit Themen beschäftigen, die über den normalen Job hinausgehen, dann kann man das auch tun, ohne sich politisch zu engagieren – die Frage, warum ich das nicht tue, wird mir übrigens häufig gestellt. Der Unterschied ist: Sich zu engagieren hat mit Verantwortung für die Gesellschaft zu tun, und dies ist unabhängig von einer Zugehörigkeit. Ich engagiere mich auch so gerne in und für Mönchengladbach, bin aber Gott sei Dank bei weitem auch nicht der einzige, der das tut. Es fällt mir nicht schwer und ich halte es für dringend erforderlich, sich zu beteiligen an dem, was gesellschaftlich von Bedeutung ist, egal in welchen Bereichen. Ich lebe gerne in Mönchengladbach und liebe diese Stadt, deswegen bin ich nach dem Studium auch wieder nach Mönchengladbach zurückgekommen. Ich kenne hier fast jeden Winkel, Eicken ist meine Urheimat; dort bin ich groß geworden. Ich liebe die Innenstadt, und ich liebe Leben um mich herum, deswegen sind wir mit der Familie auch mitten in die Stadt gezogen. Meine Kinder schätzen das genauso und sind froh, dass sie alles zu Fuß erreichen können.

 

„Ich lebe gerne in Mönchengladbach
und liebe diese Stadt“

 

 

Apropos Engagement: Sie sind Mitglied bei der Initiative Clean up MG, und das schon sehr lange. Warum ausgerechnet Clean up?
Ich bin seit langem Mitglied im Regional-Arbeitskreis der IHK Mittlerer Niederrhein, wo viele Themen diskutiert werden, die unsere Stadt betreffen, unter anderem die ganz banale Frage: Wie sieht es eigentlich in puncto Sauberkeit in unserer Stadt aus? Wir haben damals – das ist jetzt schon rund 15 Jahre her – schnell festgestellt, dass die Stadt dieses Theme zum damaligen Zeitpunkt alleine nicht in den Griff bekam. So entstehen übrigens meist Bürger-Initiativen: Man fühlt sich alleine gelassen und denkt, das eigene Thema bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die es verdient. So wurde innerhalb der IHK die Idee zu Clean up geboren, um die Stadt sauberer zu bekommen. Und wenn einem selbst dieses Thema zum Wohle der Stadt wichtig ist und man die Chance bekommt, etwas zu verändern, ist man sofort dabei. Deswegen bin ich von Anfang an bei Clean up dabei, genauso wie übrigens beim Initiativkreis, wo ich, so glaube ich, einer der ersten war, den MGMG-Geschäftsführer Peter Schlipköter angesprochen hat. Ich kann mich noch genau erinnern, als er mir bei einer Veranstaltung in München von dem Konzept erzählt und mich gefragt hat, ob ich dabei sein wollte. Ich fand das auf Anhieb so sensationell, dass ich sofort zugesagt habe. So entsteht etwas Gutes für die Stadt, und ich habe schnell gemerkt, dass solche Initiativen aus der Bürgerschaft Vehikel gegen eine eingefahrene Struktur der Politik sein können.

 

Sehen Sie Mönchengladbach in puncto Sauberkeit inzwischen auf einem guten Weg?
Ja, aber noch lange nicht da, wo wir sein müssten. Ich bin regelmäßig in Aachen, und wenn ich die Situation dort mit der unseren vergleiche, muss ich sagen, dass wir von der Sauberkeit, die man sich als Bürger in einer Stadt wünscht, noch weit entfernt sind. Wir sind auf dem richtigen Weg, und es ist wichtig, die Initiative Clean up zu haben, aber wenn man bedenkt, dass diese inzwischen 15 Jahre alt ist, empfinde ich eine gewisse Traurigkeit, dass sie immer noch erforderlich ist. Wir haben es immer noch nicht geschafft, die Wenigen, die eine Stadt zerstören – und es sind nur Wenige – zur Rechenschaft zu ziehen und diesen klar zu sagen: So geht es nicht. Ob das Hundehaufen oder Graffiti sind: Ich finde es eine Zumutung, was Leute alles verursachen können, ohne dass dies Folgen hat. An dieser Stelle ein großes Lob an die GEM beziehungsweise mags, die extrem bemüht ist, die Gesamtsituation zu verbessern. Aber das reicht nicht aus, weil die Kontrollstrukturen aus finanziellen und personellen Gründen begrenzt sind. Ich glaube, wenn bei allen betroffenen Parteien – Verwaltung, Politik, Unternehmen – der unbedingte Wille vorhanden ist, etwas daran zu ändern, dann schafft man das auch. Andere Städte wie Aachen oder auch Neuss, wo sich das Stadtbild ebenfalls extrem verbessert hat, machen es uns vor.

 

Wir blicken auf 30 Jahre Schrammen Architekten zurück. Was kommt in den nächsten fünf, zehn, 15 Jahren?
Wir stehen vor großen Herausforderungen, die Digitalisierung ist da nur ein Beispiel. Wir werden die Arbeitswelt in unserem Büro verändern, die Themen Work-Life-Balance und Betriebliches Gesundheitsmanagement werden auch für unsere Mitarbeiter immer wichtiger. Wir schaffen jetzt die Voraussetzungen dafür, dass die Marke Schrammen gefestigt wird und wollen die Erfahrung, die wir mit unserem Büro haben, noch deutlicher ausprägen und dem Kunden noch klarer machen, wofür wir stehen. Fachwissen, Aus- und Weiterbildung werden für unsere Mitarbeiter zu einem wesentlichen Thema werden, um die Qualität, die wir für uns in Anspruch nehmen, dem Kunden weiter vermitteln zu können. Dann hoffe ich, dass meine nächste Generation, die ja da ist, mir hilft und ich nicht alleine bleibe. Zwei meiner Kinder studieren Architektur: Meine Tochter hat gerade ihre Masterarbeit abgeschlossen, mein Sohn wird in zwei Jahren seinen Abschluss haben, sodass wir in den kommenden zehn Jahren eine Menge Zeit damit verbringen werden, die kontinuierliche Entwicklung und Stabilität unseres Büros voran zu treiben.

Außerdem glaube ich, dass sich unserer nationalen und internationalen Kontakte, die wir haben, verstärken und weiterentwickeln werden. Ein ganz wichtiger Punkt für die Zukunft – und da sehe ich nicht nur mich in der Verantwortung – ist: Der Gesellschaft klarzumachen, welche Bedeutung Architektur hat, um dadurch die Stellung des Architekten zu festigen. Es muss ein Bewusstsein geschaffen werden, klarzumachen, wie schwierig es für einen Architekten als Generalisten künftig sein wird, das heute zur Verfügung stehende enorme Wissen und die vielen Informationen zu kanalisieren. In dem heutigen überdimensionalem Spektrum von Anforderungen gilt es für unsere Branche mehr denn je, den richtigen Weg zu finden und zu zeigen: Da ist das Ziel. Für mich ist die spannendste Aufgabe in den nächsten zehn bis 15 Jahren.

 

Mit Dr. Burkhard Schrammen sprach
Wirtschaftsstandort-Redakteur Jan Finken

 

IM NETZ
www.schrammen.info

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