Wir müssen uns fit machen für die Digitalisierung“ höre ich auf den verschiedenen Management-Ebenen immer wieder. Was heißt das, fit zu sein für die Digitalisierung? Das erste, was dabei in den Sinn kommt, ist natürlich der Umgang mit digitalen Tools und Medien. Durch die Globalisierung und die Automatisierung von immer mehr Prozessen muss ich eine gewisse technische Kompetenz aufbauen. Und ich muss sicher Medien nutzen können, die es mir erlauben, virtuell mit Kollegen und Teammitgliedern auf aller Welt zu kommunizieren.

 

Der Einfluss von Strukturen und Hierarchien wird auf der einen Seite weniger; die Schnelligkeit, die Diversität in Teams und die Arbeit in großen Netzwerken nimmt hingegen zu und damit auch die Komplexität von Prozessen und alltäglichen Entscheidungen. Es gibt mehr Wirklichkeiten und Perspektiven für das Lösen eines Problems als vorher.

 

Um all dies zu meistern, brauche ich noch etwas ganz anderes als den sicheren Umgang mit digitalen Medien: Die große Herausforderung wird es sein, der Anonymisierung und Entfremdung, die durch den Umgang mit sozialen Medien entsteht, entgegenzuwirken. Erfolgreiche Teams werden in Zukunft diejenigen sein, die es schaffen, in Zeiten der Digitalisierung ihre Menschlichkeit und Emotionalität zu bewahren.

 

Es werden die Teams sein, die es schaffen, mit ihren Emotionen konstruktiv umzugehen und sie zu nutzen, um gute Entscheidungen zu treffen, Konflikte offen und gleichzeitig respektvoll zu klären und „nah aneinander dran“ sind – die also wissen, welche Stärken sie haben, wie sie sie nutzen können und wie sie Hürden kommunikativ schnell aus dem Weg räumen können.

 

Ein „Digital Leader“ ist also nicht nur digital, sondern auch emotional fit. Konkret sollte ein Digital Leader auf vier Ebenen arbeiten:

 

Sich selbst entwickeln

Unter komplexen Bedingungen wird es immer wichtiger, sich selbst zu reflektieren und sich seiner Selbst bewusst zu sein. Die persönliche Gefühlswelt beeinflusst stark die Gedanken und schlussendlich meine Handlungen. Negative Emotionen, die in der Arbeitswelt aufkommen und nicht geklärt werden, beeinflussen nicht nur mich, sondern auch meine Umgebung, führen zu Irritationen oder Konflikten. Je mehr ich in der Lage bin, konstruktiv und offen mit meinen eigenen Impulsen und Emotionen umzugehen und je mehr ich mich als Person geklärt habe, desto wirksamer kann ich mit anderen umgehen und dabei Selbst-Bewusstsein und ein Gefühl der Authentizität entwickeln.

 

Andere entwickeln

Digitale Leader begleiten ihre Mitarbeiter kontinuierlich in ihrem Lernprozess und schaffen einen Rahmen, in dem sie sich weiterentwickeln können. Im digitalen Zeitalter werden Entscheidungen immer weniger über Hierarchien, sondern immer mehr über hochleistungsfähige und agile Netzwerke getroffen. Darum ist es entscheidend, dass Führungskräfte auf die Stärken und die Autonomie ihrer Mitarbeiter vertrauen und mit ihnen gemeinsam Ideen und Lösungen zur Zielerreichung entwickeln.

Eine grundlegend wichtige Kompetenz an dieser Stelle ist: Moderation! Es kommt nicht mehr darauf an, als Experte zu glänzen und eigene Antworten zu geben, sondern die richtigen Fragen zu stellen, so dass Mitarbeiter neue Lösungswege entwickeln können. Gerade bei virtuellen Meetings arbeiten Teams um ein Vielfaches effizienter, wenn das Meeting konsequent strukturiert und moderiert wird. Der Leistungsabfall und Motivationsverlust bei unmoderierten virtuellen Meetings ist enorm. Das, was sich bei face-to-face Meetings bei ‚Nicht-Moderation‘ noch irgendwie auffangen lässt, führt bei virtueller Zusammenarbeit zum Chaos oder zur peinlichen Stille.

 

Ein starkes Ziel entwickeln

Ein riesiger Motivationsfaktor ist es, mit dem Team ein gemeinsames Verständnis vom Ziel zu entwickeln. Ein attraktives Ziel gibt Mitarbeitern Sinn und die Möglichkeit, sich mit ihrer Arbeit identifizieren zu können. Die Führungskraft kann das Team unterstützen, indem sie ein starkes Bild zeichnet und eine positive Geschichte zur gemeinsamen Vision erzählt. So können Mitarbeiter auch dann die richtigen Entscheidungen treffen, wenn sie verstreut an verschiedenen Standorten sitzen und nicht die Möglichkeit haben, ins Nachbarbüro zu gehen, um den Chef oder die Kollegen um Rat zu fragen.

 

Eine Kultur der Lernschleifen entwickeln

Um konstant dran zu bleiben, nicht vom Weg abzukommen oder neu erlernte Kompetenzen – wie zum Beispiel den Umgang mit digitalen Medien – zu stärken, braucht es eine Kultur des regelmäßigen Feedbacks. Anhalten – Reflektieren – Aktionen anpassen – Weitermachen: Diese Lernschleife sollte ein Digital Leader immer wieder initiieren und dafür sorgen, dass Teams aus ihren Erfahrungen lernen, besser mit der Schnelllebigkeit in der digitalen Welt klarzukommen.

 

Es braucht also Fingerspitzengefühl und eine gute Verbindung zu sich selbst und anderen sowie gesunde Beziehungen und Kommunikation von Mensch zu Mensch, um gemeinsam den Herausforderungen des digitalen Zeitalters zu begegnen.

 

 

DIE EXPERTIN
Susanne Stock arbeitet seit Jahren als systemische Beraterin und Führungskräfte- Coach. Nach dem Studium der Psychologie mit den Schwerpunkten Arbeits- und Organisationspsychologie folgte eine mehrjährige Tätigkeit als Projektleiterin in einem global operierenden Konzern, wo sie für die Konzeption und Durchführung globaler Entwicklungsprogramme für Führungskräfte aller Hierarchieebenen verantwortlich war. Susanne Stock hat langjährige Beratungs- und Trainingserfahrung mit multikulturellen und virtuellen Teams. Für die Durchführung von Führungskräfte-Workshops reist sie regelmäßig nach Asien, in die USA und Europa.

 

 

KONTAKT
Susanne Stock
Lärchenhain 6
41844 Wegberg
susanne.stock@leadroom.de
www.leadroom.de

 

„Digitalisierung – die Menschlichkeit gewinnt“ ist ein Beitrag aus der 
aktuellen Ausgabe unseres Magazins Wirtschaftsstandort Mönchengladbach
Die ePaper-Ausgabe gibt es hier zum Download.

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