Mönchengladbach. Seit 1. April ist Frank Taufenbach neuer Geschäftsführer der IG Metall Mönchengladbach und beerbt in dieser Funktion den langjährigen Verantwortlichen Reimund Strauß. Im exklusiven Gespräch mit dem Wirtschaftsstandort nimmt er Stellung zu den wichtigen Themen für die Metall- und Elektrobranche.

 

Herr Taufenbach, Sie sind seit 1. April 2020 Nachfolger des langjährigen Geschäftsführers der IG Metall Mönchengladbach, Reimund Strauß. Woher kommen Ihre Verbindungen zur IG Metall?
Frank Taufenbach: Ich bin seit 2008 Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall. Zuvor war ich 15 Jahre lang für die DGB Rechtsschutz GmbH tätig – elf davon übrigens am Standort Mönchengladbach im selben Gebäude wie die IG Metall. Auch diese räumliche Nähe hat dazu beigetragen, dass ich vor zwölf Jahren vom Dienstleister Rechtsschutz zum Auftraggeber IG Metall gewechselt bin. Aufgrund der Corona-Krise war eine Delegiertenversammlung mit Wahlen nicht mehr möglich. Deshalb bin ich vorläufig kommissarisch im Amt; die offizielle Wahl wird dann im Laufe der zweiten Jahreshälfte nachgeholt.

 

Beschreiben Sie kurz Ihren persönlichen und beruflichen Werdegang.
Aufgewachsen bin ich in Aachen, habe dort mein Abitur gemacht und danach beim Aachener Metallunternehmen Schumag eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker absolviert. Deren Maschinenbau-Sparte wurde übrigens Jahre später von der SMS Meer in Mönchengladbach übernommen. Mitglied der IG Metall war ich schon vor der Ausbildung. Im Betrieb wurde ich in Jugend- und Auszubildenden Vertretung gewählt, machte Vertrauensleute-Arbeit und bereits als Azubi war ich Mitglied des Betriebsrates im Aachener Unternehmen. Nach meiner juristischen Weiterbildung wechselte ich dann zum DGB Rechtsschutz und 15 Jahre später schließlich zur IG Metall. Geprägt durch fortschrittliche Jugendverbandsarbeit, ein gewerkschaftlich aktives Elternhaus und verschiedene soziale Bewegungen, war die Laufbahn nicht überraschend.
Die aktuelle Wendung nahm dann ihren Anfang, als mein Kollege Reimund Strauß mich bereits frühzeitig fragte, ob ich mir den Wechsel zur hauptamtlichen Tätigkeit in meine Gewerkschaft IG Metall vorstellen kann.

 

Welche Schwerpunkte haben Sie sich als neuer Geschäftsführer der IG Metall Mönchengladbach auf die Fahnen geschrieben?
Bis vor zwei oder drei Monaten hätte ich noch geantwortet: Weiterhin als starke und organisierte Interessenvertretung der Beschäftigten in den Metall-, Textil- sowie Holzbranchen zu agieren und die Betriebsräte und gewerkschaftlichen Vertrauensleute in Tarif- und Rechtsfragen zu beraten und zu unterstützen. Die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen ist gemeinsames Ziel. Unser Einzugsbereich reicht von Heinsberg über Mönchengladbach bis nach Viersen und umfasst mehrere hundert Unternehmen ganz unterschiedlicher Größe. Durch die Corona-Pandemie sind diese Dinge aber akut in den Hintergrund gerückt. Uns geht es nun in erster Linie darum, die Arbeitsplätze unserer Mitglieder zu sichern, faire und gesunde Arbeitsbedingungen einzufordern, sowie die Mitbestimmung zum Wohl der Beschäftigten konkret anzuwenden. Deswegen wurde auch zunächst die aktuelle Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie bis zum Jahresende ausgesetzt. Im Moment gibt es dringendere Themen.

 

Wie hart hat die Krise Firmen aus der Region getroffen?
Genau wie im gesamten Bundesgebiet sind auch unsere Firmen aus dem produzierenden Gewerbe betroffen. Manche noch nicht massiv, für einzelne sind die Rahmenbedingungen existenzbedrohend. Positiv ist, dass wir bei uns noch keine Entlassungen von Beschäftigten aufgrund der Corona-Krise haben. Bis zu zwei Drittel der Unternehmen sichern sich vorsorglich ab oder nutzen bereits das Mittel der Kurzarbeit. Dieses Instrument soll betriebsbedingten Kündigungen vorbeugen und wurde durch Regierungsverordnungen erleichtert. Dies begrüßen wir als IG Metall ausdrücklich. Das Kurzarbeitergeld muss allerdings auch besser an die sozialen Belange der Beschäftigten angepasst und deshalb erhöht werden.

 

„Sämtliches Material möglichst billig im Ausland einzukaufen,
wird nicht mehr der Standard bleiben können“

 

Die Gefahr des Stellenabbaus ist durch die Corona-Krise zwangsläufig gegeben. Sehen Sie in dieser Zeit dennoch auch Chancen?
Klar ist: Jeder Arbeitsplatz, der jetzt abgebaut wird, ist meist unwiederbringlich verloren. Fachkräfte, die ihren Job verlieren, wandern auch in andere Branchen ab. Es gibt aber auch Aspekte der Krise, die positiv genutzt werden sollten: Kurzarbeit etwa bietet die Chance, die Beschäftigten weiterzubilden und zu qualifizieren. Beispielsweise auf dem Weg zur Digitalen Transformation, die sich nicht aufhalten lässt. Es gibt nun bisweilen die Gelegenheit, sich stärker darauf vorzubereiten – ein „Weiter so“ darf es in den bisher zurückhinkenden Firmen nicht mehr geben. Dazu gehört natürlich auch die Verbesserung der staatlichen Rahmenbedingungen für die gesamte Wirtschaft, wie es sich gerade derzeit aufdrängt. Sei es für ein belastbares Gesundheitswesen, den notwendigen Breitbandausbau oder der Schaffung von zusätzlichen Bildungs- und Betreuungsangeboten.

 

Wie gehen aus Ihrer Sicht die Firmen aus der Region mit der aktuellen Situation um?
Überwiegend positiv. Nicht jedes Unternehmen kann seine Mitarbeiter alle ins Homeoffice schicken. Dort, wo die Produktion weiterlaufen kann, werden die Betriebsleitungen und die Betriebsräte im Sinne des Mitarbeiterschutzes erfinderisch. Schichten werden entzerrt und Abstände vergrößert. Alle Maßnahmen dienen dem Zweck der Gesundheitssicherung und, um auch bei unsicheren Aussichten, möglichst lange auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten zu können.

 

Werden die Unternehmen auch ihre Abhängigkeiten bei Produktionsabläufen überdenken?
Wenn die Krise eines schon gezeigt hat, dann ist es die Labilität der Lieferketten. Sämtliches Material möglichst billig im Ausland einzukaufen, wird nicht mehr der Standard bleiben können. Stattdessen sollten die Firmen wieder mehr Wert auf Qualität, eigene Fertigungstiefe und zuverlässige Lieferanten setzen. Kurze Lieferwege haben außerdem ökonomische und ökologische Vorteile. Dies sind in der heutigen Zeit auch wichtige Argumente für die Produktionsplanung.

 

Wie wird unsere Region die Krise überstehen?
Ich bin grundsätzlich ein optimistischer Mensch. Wir haben in Deutschland beispielsweise auch die Bankenkrise viel besser überstanden als unsere europäischen Nachbarn. Ich glaube an das Potenzial am Innovationsstandort Deutschland. Vielleicht trägt die Corona-Krise dazu bei, dass wir dieses Potenzial auch wieder besser ausschöpfen.

 

ZUR PERSON
Frank Taufenbach (55) ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Töchter. Seit 1. April 2020 ist er neuer Geschäftsführer der IG Metall Mönchengladbach.

 

Foto: IG Metall

 

 

„Kurzarbeitergeld muss erhöht werden“ ist ein Beitrag aus
dem aktuellen Magazin Wirtschaftsstandort Mönchengladbach.
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