Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners im Gespräch mit dem Wirtschaftsstandort. „Ob ich noch einmal für das Amt des Oberbürgermeisters kandidiere, entscheide ich 2019.“ Fotos: Andreas Baum

Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners spricht im Interview mit dem Wirtschaftsstandort über den Rathaus-Neubau, die Tour de France und seine Affinität zu sozialen Netzwerken.

Herr Reiners, Sie waren jüngst in Berlin und haben Frank-Walter Steinmeier zum neuen Bundespräsident mitgewählt – eine besondere Ehre für Sie?
Hans Wilhelm Reiners: Doch, das muss ich sagen. Von mehr als 80 Millionen Deutschen einer der 1.200 zu sein, die den Bundespräsidenten mit wählen dürfen, ist etwas Besonderes. Außerdem trifft man mit Menschen zusammen, die man sonst nur aus der Ferne kennt. Beispielsweise hatte ich Gelegenheit, mich lange mit Kurt Biedenkopf und Jürgen Rüttgers auszutauschen.

Ist Mönchengladbach bei diesen Gesprächen ein Thema?
Durchaus. Rüttgers wusste, dass ich seit zweieinhalb Jahren hier Oberbürgermeister bin, Kurt Biedenkopf konnte sich an Besuche in Mönchengladbach erinnern. Beide waren, wie viele andere Spitzenpolitiker auch, schon einmal zu Gast in unserer Stadt. So kommt man schnell ins Gespräch, und ich nutze die Gelegenheit, über die Dinge, die bei uns gut laufen, zu sprechen und ein wenig Werbung für Mönchengladbach zu machen.

Steinmeier wird im Schloss Bellevue residieren. Haben Sie sich schon den Westflügel im neuen Rathaus im Herzen Rheydts reserviert?
(lacht) Das nicht, aber ich habe schon mal ganz pragmatisch daran gedacht, dass ein kleines Büro für den OB dort Sinn machen würde. Amtssitz des Oberbürgermeisters soll ja das Rathaus Abtei bleiben.

„Ich werde mich 2019 entscheiden“

Wenn Sie sich also schon Gedanken darüber machen, impliziert das ja, dass Sie 2020 noch einmal für das Amt des Oberbürgermeisters kandidieren…
Netter Versuch von Ihnen. (lacht) Aber Sie bekommen genau so wie alle anderen meine Standard-Antwort auf diese Frage zu hören: Ich werde mich 2019 in enger Absprache mit meiner Frau und meiner Familie sowie mit Blick auf meine Gesundheit entscheiden, ob ich für eine weitere Amtszeit als OB kandidiere.


Auch wenn Sie persönlich am neuen Verwaltungsstandort in Rheydt kein Büro beziehen sollten, werden Sie dieses Projekt in den kommenden Jahren aber doch mit besonderem Augenmerk verfolgen.

Definitiv, auch weil ich seit vielen Jahren die Diskussionen über die Unterbringung der Verwaltungsmitarbeiter hautnah verfolge. Jetzt haben wir den Mut, über eine große Lösung nachzudenken, und ich bin überzeugt, dass dies die richtige Richtung ist. Haushaltstechnisch wird uns das in diesem und im nächsten Jahr noch nicht helfen, aber auf lange Sicht schon. Allein die Tatsache, dass man mit einem Neubau – bei gleicher Mitarbeiterzahl – fast 50 Prozent an Büroflächen einsparen kann, macht mich sehr optimistisch, dass diese Pläne auch wirtschaftlich sehr sinnvoll sind.

Apropos wirtschaftlich: Bei den bestehenden Verwaltungsstandorten seien mittelfristig Investitionen in Höhe von 70 Millionen Euro für Sanierungen notwendig.
Das Verwaltungsgebäude Oberstadt hat sich das Technische Dezernat beispielsweise genau angeschaut. Hier ist für Sanierung und Modernisierung nach vorsichtigen Schätzungen ein Investitionsvolumen von 20 Millionen Euro notwendig, eher mehr. Hochgerechnet auf die gesamte Verwaltungsfläche kommt man dann auf die 70 Millionen Euro, die in den nächsten Jahren fällig würden. Das Vitus-Center ist derzeit unser modernstes Gebäude, und das will schon etwas heißen.

„Der Standort Rheydt war eine
politische Grundsatzentscheidung“

Sie haben vor kurzem die eben schon angesprochenen Pläne für den Bau eines neuen Verwaltungs-Standorts am Rheydter Marktplatz vorgestellt. Was gab den Ausschlag für diesen Standort?
Es war zunächst eine politische Grundsatzentscheidung, dass man für die Verwaltung einen zentralen Standort haben wollte – mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit ist das auch eine vernünftige Lösung, statt etwa zwei Standorte in Mönchengladbach und Rheydt zu entwickeln. Die Entscheidung ist aber auch mit Blick auf die Innenstadt Rheydt gefällt worden. Wenn hier demnächst 1.500 Verwaltungsangestellte arbeiten, dann wird das Wirkung auf die City haben. Über das Projekt „Soziale Stadt“ haben wir in den vergangenen Jahren schon eine Menge in Rheydt bewegen können; der neue Marktplatz ist für mich da immer das nach außen sichtbarste Zeichen. Wir sind aber noch weit davon entfernt zu sagen, dass in Rheydt jetzt alles gut ist. Der Leerstand im Einzelhandel ist beispielsweise ein großes Problem. Es gibt viele gute städtebauliche Ansätze, die Rheydter Innenstadt aufzuwerten, wir müssen aber auch Menschen dorthin bringen, die im wahrsten Sinne des Wortes für Belebung sorgen.

Der Clou bei den Neubauplänen ist sicher der Abriss des bestehenden Gebäudes der Stadtsparkasse. Wie kam es zu dieser Überlegung?
Wir als Verwaltung sind Mieter im bestehenden Gebäude. Da die Stadtsparkasse dort über Sanierungsmaßnahmen nachdenkt, entstand in gemeinsamen Überlegungen die Variante von Abriss und Neubau. Viele Details müssen dafür noch geklärt werden, aber ich sehe die grundsätzliche Bereitschaft der Sparkasse, diese „große Lösung“ mitzutragen.

Glauben Sie, dass Rheydt als neuer großer Verwaltungsstandort auch für private Investoren und Unternehmen wieder interessanter wird?
Das kann ich mir gut vorstellen, aber noch ist es zu früh, darüber zu spekulieren. Wenn die Entscheidung fällt, dass wir dieses Projekt in Rheydt konkret angehen, wäre aber eine starke Botschaft für den Standort da.

Wann könnte die konkrete Entscheidung fallen?
Ein wichtiges Signal war bei der Ratssitzung Mitte Februar das einhellige Votum, die ersten Überlegungen fortzusetzen und zu konkretisieren. Die nächsten Schritte sind eine genaue Wirtschaftlichkeitsberechnung und die Entwicklung von Modellen, wie moderne Verwaltungsarbeit in Zukunft aussehen wird. Dabei spielt vor allem eine Rolle, wie wir das Thema Digitalisierung angehen. Ich sage immer, Digitalisierung ist mehr als das Ersetzen von Akten durch Dateien. Von daher werden wir uns in dieser Hinsicht sicherlich auch Kompetenz durch externe Berater holen, die sich mit diesen Dingen seit Langem beschäftigen.

„Ich finde es faszinierend, welche Möglichkeiten es
im künftigen digitalen Zeitalter geben könnte“

Der Umgang mit neuen Medien ist Ihnen nicht fremd. Sie pflegen Ihren Facebook-Auftritt und Twitter-Account persönlich, oder?
Ja, das mache ich selbst, auch aus persönlichem Interesse heraus. Ich finde es faszinierend, welche Möglichkeiten es im künftigen digitalen Zeitalter geben könnte oder schon gibt. Ich habe neulich einen Freund in Berlin besucht, der vor drei Jahren sein Auto abgeschafft hat und sich seitdem mithilfe von Car-Sharing fortbewegt. Gesteuert wird das Ganze über eine eigene App. Ein Modell, das in der Hauptstadt ganz wunderbar funktioniert und das meiner Meinung nach Zukunft haben wird.


Wenn Sie twittern, dann natürlich über Projekte aus unserer Stadt. Einige stehen in diesem Jahr weiter auf der Agenda: City Ost, Gelände Maria Hilf, Haus Westland, um nur einige zu nennen. Geben Sie uns einen kurzen Überblick über den Stand der Dinge?

Bei der City Ost gibt es durch die europaweite Ausschreibung einige interessante Kontakte. Wir haben das Ziel, einen Projektentwickler oder Investor zu finden, der das gesamte Areal anpackt. Nach der vorläufigen Auswertung ist es aussichtsreich, dass es diesen Jemand geben könnte. Und dem man auch zutraut, dieses Großprojekt mit allem, was dazu gehört – Gebäude, Infrastruktur, See – zu realisieren. Ich gehe davon aus, dass wir im Verlauf dieses Jahres hier den nächsten großen Schritt tun werden.

Die Pläne, was mit Haus Westland geschehen soll, stehen dagegen.
Ja, und es ist nicht selbstverständlich, dass sich der Investor auf einen Architekten-Wettbewerb eingelassen hat und den Sieger-Vorschlag auch umsetzen will.

Das Gelände Maria Hilf gehört inzwischen wieder der Stadt; welche Zeitachse sehen Sie hier?
Ich hoffe, dass die Klinik im ersten Quartal 2018 komplett umgezogen ist und wir ab dann über das Areal verfügen können. Es wird eine Entwurf-Werkstatt mit breiter Bürgerbeteiligung geben, wo erste Ideen diskutiert werden, was auf diesem Gelände geschehen soll. Der Planungsbereich umfasst nicht nur das Krankenhaus-Gelände, sondern auch das der Schule bis hin zur Viersener Straße inklusive des Verwaltungsgebäudes Oberstadt, das wir ja auch nicht zwingend erhalten wollen. Alles in allem handelt es sich um einen aus städtebaulicher Sicht hochinteressanten Standort – für mich der spannendste Standort überhaupt, denn als Stadt hat man nicht alle Tage die Chance, ein solch innerstädtisches Areal komplett überplanen zu können.

„Dass der Masterplan umgesetzt wurde,
war anfangs nicht selbstverständlich“

Hätten Sie sich vor zweieinhalb Jahren vorstellen können, dass die Entwicklung und die Möglichkeiten der Stadt zum jetzigen Zeitpunkt solch eine Fahrt aufnehmen?
Der Masterplan hat hier wichtige und entscheidende Impulse gesetzt. Ich bin heute noch froh, dass er umgesetzt worden ist, denn das war anfangs auch nicht selbstverständlich. Er hat bewirkt, dass sich viele Vertreter aus der heimischen Wirtschaft in ihrer Stadt engagieren; etwas Besseres kann nicht passieren.

Nach Vorbild des Umbaus in der Rheydter Innenstadt soll nun auch die Mönchengladbacher City auf Vordermann gebracht werden. Für das rund 240 Hektar große Untersuchungsgebiet soll zunächst ein Integriertes Handlungskonzept erstellt werden, bei dem es nicht nur um städtebauliche Aspekte, sondern auch wirtschaftliche Rahmenbedingungen und soziale Projekte geht. Rechnen Sie mit ähnlichen Finanzmitteln wie für Rheydt? Hier flossen immerhin rund 22 Millionen Euro von Bund, Land und EU…
In Mönchengladbach sind die Voraussetzungen andere als in Rheydt. In Rheydt ist das Projekt aus einer eher negativen Stimmung gestartet, die nehme ich in Mönchengladbach in diesem Maße so nicht wahr. Das Förderprogramm bedingt aber ähnliche Ansätze, insofern taugt Rheydt schon als Blaupause. Der Planungsraum in Gladbach ist vielfältiger, reicht vom Westend über den Abteiberg bis hin zum Gründerzeitviertel. Durch das Museum Abteiberg wird automatisch das Thema Kultur im Handlungskonzept stark verankert sein, und genau wie in Rheydt werden wir auch hier das Thema Bibliothek spielen. Bei allen möglichen Projekten wollen wir aber genau hinhören, was der Bürger will. Dabei ist es immer eine Gratwanderung, den Bürgern zu vermitteln, dass sie sich beteiligen können und sollen, am Ende aber auch nicht jeder Wunsch umzusetzen ist.

Sie als passionierter Radfahrer dürften sich auf das nächste sportliche Highlight in Mönchengladbach besonders freuen: Am 2. Juli führt die zweite Etappe der Tour de France durch Mönchengladbach. Wie wichtig ist dieses Event für die Stadt?
Ich glaube, dass wir dadurch eine sehr, sehr gute Außenwirkung erzielen können. Wir müssen dabei unser Ding machen und uns von anderen Städten, etwa Düsseldorf, absetzen. Ich wünsche mir, dass die Bürger am nächsten Tag sagen: „Mensch, das war klasse, dass wir die Tour de France einmal so hautnah miterleben durften.“ Wir haben schon im Vorfeld viel Aufmerksamkeit in den Medien gehabt, und das wird auch weiterhin so sein. Mönchengladbach wird durch die Live-Berichterstattung weltweite Medienaufmerksamkeit gewinnen. Etwa 100 Sender werden in 190 Ländern rund um den Globus live übertragen, unter anderem die ARD und der Sender Eurosport. Hinzu kommen Hunderte von Journalisten aus dem Bereich Print, TV- und Rundfunk -, die über die Tour de France global berichten werden. Was nicht gelingen wird, ist eine Darstellung dieses Imagegewinns in Euro. Mir ist viel wichtiger zu zeigen, dass wir in dieser Stadt solche Großveranstaltungen organisieren können.

„Eine Darstellung des Imagegewinns durch die
Tour de France in Euro wird nicht gelingen“

Das Thema Fahrrad spielt in Mönchengladbach generell eine zunehmend größere Rolle. Mit dem Masterplan Nahmobilität erstellt die Verwaltung derzeit ein Gesamtkonzept zur Förderung von Fuß- und Radverkehr. Beim 2. Dialogforum zu diesem Thema stellte sich heraus, dass sich 47,8 Prozent aller Radfahrer auf Gladbachs Straßen weniger sicher und 20,9 Prozent sogar unsicher fühlen. Was müssen notwendige Maßnahmen sein, damit sich Radfahrer in der City wieder sicher fühlen?
Ein großes Problem sind die vielen unterschiedlichen Situationen, die man als Radfahrer gerade im normalen Straßenverkehr meistern muss. Außerdem sind viele nur gelegentliche Radler ohne große Routine. Ich persönlich glaube, dass farblich markierte Radfahrstreifen sehr hilfreich sein können.


Mönchengladbach will „Gigabit-City“ werden, bei der Umsetzung hapert es aber derzeit. Anbieter Deutsche Glasfaser beispielsweise ist in fast allen Stadtteilen meilenweit von seinem angestrebten Ergebnis von 40 Prozent entfernt. Wo liegt aus Ihrer Sicht das Problem?

Wir müssen mit den Bürgern noch viel mehr kommunizieren, was Digitalisierung eigentlich bedeutet. Viele sehen noch nicht die Notwendigkeit schnellerer Datenleitungen, weil heute alles reibungslos funktioniert. Dass die transportierten Datenmengen jedoch rasend schnell ansteigen und man dafür in Zukunft auch die entsprechende Technik benötigt, ist den meisten nicht bewusst. Das Thema Digitalisierung wird in allen Bereichen des Alltags eine große Rolle spielen, beispielsweise im Gesundheitssektor. Wenn ich meinen Blutdruck oder Blutzuckerspiegel online überwachen lassen kann, hat das ganz konkrete Auswirkungen auf mein persönliches Umfeld. Hier kommen dann sogar Aspekte ins Spiel, wie ich selbst im Alter noch möglichst lange in meinen eigenen vier Wänden wohnen kann. Dazu können beispielsweise auch spezielle Apps von Lieferdiensten eine Rolle spielen. Der Nutzen und die Möglichkeiten, die die fortschreitende Digitalisierung bringt, haben viele, vor allem ältere Mitmenschen, noch nicht erkannt.

Kann die Stadt hier etwas zur Aufklärung beitragen?
Wir versuchen, mit gutem Beispiel voranzugehen. Nicht erst im Zuge der Neubaupläne für das Rathaus in Rheydt steigen wir verstärkt in das Thema Digitalisierung ein. Auch die Einstellung eines Breitbandkoordinators und unsere Mitarbeit im Verein next_mg sind kleine Bausteine, die das Thema Digitalisierung in Mönchengladbach mehr und mehr nach vorne bringen.

Der Breitbandkoordinator ist zunächst für die Dauer von drei Jahren vorgesehen…
Richtig, finanziert mit Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen in Höhe von 150.000 Euro. Er muss das Thema Digitalisierung für eine breite Masse an Menschen transparent machen, sollte nach weiteren Fördermöglichkeiten suchen und außerdem den Draht zu Unternehmen halten.

In Ihrem Amt als Oberbürgermeister nähern Sie sich der Halbzeit: Wie lautet Ihr Fazit der ersten 2,5 Jahre, was sind Ihre Ziele für die zweiten 2,5?
Die ersten zweieinhalb Jahre waren eine überaus spannende Zeit, weil Vieles in Bewegung gekommen ist. Dabei lege ich großen Wert auf die Feststellung, dass dies einer großen Teamleistung zu verdanken ist. Ich bin weit davon entfernt zu sagen, dass alles nur deshalb besser geworden ist, weil ich jetzt hier auf diesem Stuhl sitze. Ich erkenne aber bei den Bürgerinnen und Bürgern, aber auch bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadtverwaltung zunehmend, dass viele Lust haben, etwas in unserer Stadt zu bewegen. Wenn ich auf meine „zweite Halbzeit“ schaue, könnte ich, um im Bild zu bleiben, sagen: In der ersten Hälfte den Gegner beherrscht, in der zweiten müssen wir jetzt Tore schießen.

Mit Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners
sprach Wirtschaftsstandort-Redakteur Jan Finken