Dr. Thomas Jablonski: „Wir müssen dafür sorgen, dass der Kreis an sich wahrgenommen wird“ Fotos: Andreas Baum

 

Dr. Thomas Jablonski ist seit einem halben Jahr Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungs-Gesellschaft des Kreises Viersen. Warum er die Gesellschaft umbauen, komplett neue Schwerpunkte setzen und den Draht zu den Hochschulen intensivieren will, erklärt der gebürtige Berliner im ausführlichen Gespräch mit dem Wirtschaftsstandort.

Herr Dr. Jablonski, eine Ihrer ersten Amtshandlungen als neuer Geschäftsführer der Wirtschafts-Förderungs-Gesellschaft war die Abschaffung des Namens „Invest Region Viersen“, den Ihr Vorgänger installiert hatte. Ist das schon vollzogen?
Dr. Thomas Jablonksi: Ja, auf allen Ebenen. Wir haben eine neue Internetseite, wir haben es nicht mehr in der Firmierung, und von den Briefköpfen ist es auch verschwunden.

Warum stehen Sie auf dem Standpunkt: Dieser Slogan passt nicht zu uns?
Weil er im Grunde nichts aussagt. Wir sind eine regionale Wirtschaftsförderungsgesellschaft, und wenn wir gesucht und angefragt werden, werden auch die Dienstleistungen einer Wirtschaftsförderung erwartet. Deswegen ist der Name unserer Gesellschaft wieder zurückgesetzt worden. Dass dies die richtige Entscheidung war, merken wir allein daran, dass wir im Netz jetzt viel öfter gefunden werden.

Die obligatorische 100-Tage-Frist ist für Sie schon länger vorbei. Was hat Sie in Ihrem neuen Amt überrascht?
Überrascht hat mich eigentlich nichts, weil ich schon ziemlich lange im Kreis Viersen tätig bin und in meiner Eigenschaft als Geschäftsführer des Technologie-und Gründerzentrums Niederrhein in Kempen (TZN), das eine 100-prozentige Tochter der Wirtschaftsförderungsgesellschaft ist, von diesem Hause nie weit weg war. Positiv überrascht war ich davon, wie ich bei den Städten und Gemeinden im Kreis Viersen aufgenommen worden bin. Die Akzeptanz und die Unterstützung, die Strukturen in der Wirtschaftsförderung des Kreises zu verändern, sind sehr groß. Auch beim Kreis Viersen mit Landrat Dr. Andreas Coenen an der Spitze stoßen meine Pläne zum Umbau der Gesellschaft auf großen Konsens. Das stimmt mich sehr optimistisch, dass wir uns für die Zukunft gut aufstellen können.

Sie haben das Amt des Geschäftsführers am 1. November 2016 übernommen. Wann sind Sie gefragt worden, ob Sie bereit wären, den Job zu übernehmen?
Knapp 14 Tage vorher – zu diesem Zeitpunkt war ich aber im Urlaub. (lächelt) Ich musste aber nicht lange überlegen, ob ich das Angebot annehme. So oft wird man in seinem Leben nicht gefragt, ob man eine solch verantwortungsvolle und spannende Aufgabe übernehmen will. Und aus meiner beruflichen Vergangenheit heraus – ich war 20 Jahre lang als Geschäftsführer von Wirtschaftsförderungen tätig – bilde ich mir ein, dass ich weiß, was ich tue (lacht). Mein einziger Wunsch war, Geschäftsführer des TZN Technologie-Zentrums Niederrhein bleiben zu können. Ansonsten wäre ich Gesellschafter geworden, und als dieser hätte ich nicht mehr den Einfluss auf die Entwicklung der Einrichtung, wie ich sie in den vergangenen Jahren hatte und nun immer noch habe. Das wurde akzeptiert, und dann fiel die Entscheidung relativ schnell.

Welche Erfahrungen haben Sie bei Ihren Antrittsbesuchen bei den Bürgermeistern der Städte und Gemeinden im Kreis Viersen gemacht? Wo drückt den Kommunen der Schuh am meisten, gibt es Problem-Überschneidungen?
Jede Stadt und jede Gemeinde hat zunächst einmal ihre eigenen Schwerpunkte und spezifischen Probleme. Ganz wichtig ist, dass die Kommunikation untereinander verbessert wird und dass man sich nicht auch noch gegenseitig als Konkurrenz sieht – dafür ist der Kreis einfach viel zu klein. Die Herausforderungen in punkto Wirtschaftsförderung gehen weit über die jeweiligen Stadtgrenzen hinaus. Wir müssen erst einmal dafür sorgen, dass der Kreis Viersen an sich wahrgenommen wird. Wir sind umgeben von sehr erfolgreichen Städten und Kreisen, wir haben die Landeshauptstadt direkt vor der Haustür, was ein Riesenvorteil ist. Die einzelnen Städte und Gemeinden in unserem Kreis sind, jede für sich genommen, vielleicht etwas klein. Deswegen möchten wir als Wirtschaftsförderung des Kreises Viersen in enger Kooperation mit den Wirtschaftsförderern vor Ort die Wahrnehmbarkeit der Region erhöhen. Wir sind sehr froh, dass es in den einzelnen Kommunen Menschen gibt, die sich dort der Wirtschaftsförderung widmen, Prozesse moderieren und sehr viel tiefer in den einzelnen Themen sind, als wir es sein können.

„Ein übergreifendes Standort-Marketing ist für eine Region mit so vielen Städten und Kommunen und so vielen unterschiedlichen Schwerpunkten schwierig umzusetzen.“

Sie haben es eben gesagt: Manchmal scheint das Konkurrenzdenken innerhalb des Kreises noch sehr ausgeprägt. Haben die Städte und Gemeinden Angst, dass man ihnen jetzt etwas wegnehmen will?
Wir nehmen niemanden etwas weg, ganz im Gegenteil: Wir wollen unterstützend tätig sein. Ohne Frage ist das Kirchturm-Denken mancherorts immer noch vorhanden, aber die Erkenntnis, dass man nur gemeinsam stark ist, setzt sich langsam durch.

Sie haben dem Aufsichtsrat der WFG kürzlich Ihr Konzept vorgestellt. Was sind Ihre Schwerpunkte?
Die Wirtschaftsförderung des Kreises Viersen hatte in den vergangenen 20, 30 Jahren ihren Schwerpunkt auf dem Grundstücksgeschäft. was eigentlich nicht zu den klassischen Aufgaben einer Wirtschaftsförderung zählt. Das werden wir nicht aufgeben, aber es wird in unserem Haus erheblich an Bedeutung verlieren, weil einfach die Volumina an Grundstücken nicht mehr da sind. Die künftigen Schwerpunkte sollen im Standortmarketing für den Kreis und bei der Fachkräftesicherung in Verbindung mit den Schulen und Hochschulen liegen. Gerade im Bereich der Hochschulen sind wir sehr gut vernetzt, das müssen wir nutzen. Wir möchten die Hochschulen mehr in den ländlichen Raum bringen und dort direkt in die Unternehmen. Die Städte und Gemeinden merken das eigentlich nur indirekt, weil wir den Prozess moderieren und Hochschule und Unternehmen zusammenbringen. Das dritte Feld, das in Zukunft erhebliche Bedeutung bekommen wird, ist das Projektgeschäft. Wir wollen uns bemühen, möglichst viele Projekte und Fördergelder von Land, Bund und EU hier den Kreis bekommen; das ist ein Feld, welches hier bislang kaum bearbeitet wurde. Das bringt Umstrukturierungen und eine neue Aufgabenverteilung innerhalb der WFG mit sich; wir sind da aber auf einem guten Weg. Wir wollen Dienstleister für Unternehmen, Städte und Gemeinden sein.

Die Stadt Mönchengladbach ist sehr aktiv, was die Nutzung von Fördergeldern für Projekte angeht. Taugt die Nachbarstadt in dieser Hinsicht als Vorbild für den Kreis Viersen?
Vorbild ist zu viel gesagt, aber dass wir als Kreis Nachholbedarf im Projektgeschäft haben, ist kein Geheimnis. Wir werden das nun stark intensivieren, und ich bin optimistisch, schon 2018 konkrete Ergebnisse mitteilen zu können – was enorm früh wäre, denn normalerweise bedarf es bei solchen Dingen einer Vorlaufzeit von mehreren Jahren. Unsere Nachbarkommunen, nicht nur Mönchengladbach, sind hier schon sehr gut unterwegs, aber wir stehen auch hier nicht in Konkurrenz zueinander. Wirtschaftsförderung hört nicht an der Stadtgrenze aus, und wir pflegen einen kollegialen und freundschaftlichen Austausch mit unseren Nachbar-kommunen und kooperieren in vielen Bereichen.

Wichtig ist Ihnen der Kontakt zu den Hochschulen.
Richtig, und dieser soll ebenfalls intensiviert werden – zu allen Hochschulen in der Region. Mit der Hochschule Niederrhein gibt es bereits eine enge Kooperation, die noch vertieft werden soll. Die Hochschule Fontys hat einen Standort am Technologiezentrum Kempen, allein deshalb ist der Kontakt hier schon sehr gut. Für uns sind aber auch die Hochschulen in Düsseldorf, in Rhein-Waal und Duisburg sehr wichtig. Im Grunde ist es aber zweitrangig, wo eine Hochschule angesiedelt ist. Wenn ein Unternehmen aus unserem Kreis auf einem bestimmten Gebiet auf der Suche nach einem Ansprechpartner an einer Hochschule ist, würden wir diesen Kontakt vermitteln. Ich besuche viele Unternehmen in der Region und versuche immer herauszufinden, wo der Schuh drückt. Eventuell können wir mit unserem Netzwerk da schon helfen, sei es bei der Vermittlung von Projektkooperationen oder Studenten, die im oder über das Unternehmen eine Bachelor- oder Masterarbeit schreiben. Man darf dabei nicht vergessen, dass eine ländliche Region wie die unsere für Studenten bedeutet, dass sie nicht ohne weiteres zu den Unternehmen in unseren Kreis gelangen können. Gewerbegebiete liegen in der Regel nicht im Ortszentrum. Und deshalb kennen viele junge Menschen unsere wirtschaftliche Stärke und die vielen Hidden Champions, die bei uns angesiedelt sind, gar nicht. Viele Studenten glauben, sie müssten nach ihrer Ausbildung unbedingt zu Porsche oder VW, um Karriere zu machen, Dort sind sie aber nur einer unter vielen. In kleineren Unternehmen haben junge Menschen viel früher die Chance, Verantwortung zu übernehmen.

Wie pflegen Sie die Kontakte zu den ganzen Hochschulen?
Ganz profan besuche ich jede Menge Veranstaltungen an den Hochschulen, habe ein- bis zweimal im Jahr persönliche Gespräche mit dem jeweiligen Dekan, wo meist ein genereller Gedankenaustausch stattfindet. Daraus ergeben sich aber gute Beziehungen und immer wieder konkrete Projekte.

Würden Sie sich als guten Netzwerker bezeichnen?
Ich glaube, das ist mein eigentliches Pfund (lächelt). Ich bin in dieser Hinsicht vielleicht etwas verrückt, aber ich finde immer, dass man gemeinsam „herumspinnen“ muss, damit sich gute Ideen entwickeln, die man dann idealerweise auch konkret umsetzt.

Als wichtigen Schwerpunkt der Arbeit der Wirtschaftsförderung haben Sie das Standortmarketing genannt. Wie wird sich der Kreis hier in Zukunft ausrichten?
Es gibt Vorschläge aus unserem Haus, die derzeit auf politischer Ebene diskutiert werden. Klar ist aber, dass es mit unserer neuen Homepage nicht getan ist, wollen wir uns im Wettbewerb mit anderen Kreisen/Regionen besser positionieren. Aber unsere Online-Plattform wird in Zukunft eine wichtige Rolle spielen – sie wird leben. Warum betone ich das so: weil es in der Vergangenheit nicht so war. Der Online-Auftritt ist die Visitenkarte eines Unternehmens, aber auch einer Wirtschaftsförderung. Ein übergreifendes Standort-Marketing ist für eine Region mit so vielen Städten und Kommunen und so vielen unterschiedlichen Schwerpunkten schwierig umzusetzen. Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Politik, die letztendlich entscheiden muss, wie wir uns darstellen wollen. Das ist längerer Prozess, bei dem ggf. auch externe Berater, die nicht so betriebsblind sind wie wir alle, involviert sein können. Es geht ja nicht darum, die Region nur schön zu finden, sondern wie ich wir aus ihr eine Marke machen kann. Gerade in Zusammenhang mit der Metropolregion Rheinland müssen wir die Wahrnehmbarkeit unseres Kreises erhöhen.

Dass der Tourismus dabei eine Rolle spielen wird, ist sicher kein Geheimnis.
Der Tourismus ist ein wichtiges Thema und wird auch kreisübergreifend behandelt. Die steigenden Übernachtungszahlen Zahlen der vergangenen Jahre zeigen, dass schon einiges entstanden ist, aber es wäre noch viel mehr möglich. Wie bei allem ist es eine Frage der Finanzierung, denn Tourismus bedeutet viel Marketing und Werbung machen und ständig bei Meinungsbildern präsent sein. Da ist der Kreis Viersen mit der Niederrhein Tourismus GmbH sehr gut aufgestellt.

Wo Sie gerade die Wirtschaftsförderung auf links krempeln: Ist die Gesellschaft so gut aufgestellt, wie Sie es sich wünschen?
Wir sind gut aufgestellt. Trotzdem suchen wir noch personelle Unterstützung für das Projektmanagement und die Fördermittelberatung. das machen wir derzeit durch Netzwerkarbeit und konkrete Ansprachen. Intern müssen sich unsere Mitarbeiter erheblich umstellen und an neue Themenfelder gewöhnen. zu bearbeiten. Ich möchte, dass wir als Dienstleister für unsere Unternehmen, Städte und Gemeinden wahrgenommen werden, und das geht weit über das bisherige Grundstücksgeschäft hinaus. Dafür geben wir unseren Mitarbeiter die Chance, sich durch Seminare und Workshops zu qualifizieren. Vieles lernt man auch – und diese Erfahrung habe ich selber gemacht – durch die direkten Kontakte zu den Unternehmen.

Als Etat für die Wirtschaftsförderung stellt der Kreis 1,6 Millionen Euro in diesem Jahr zur Verfügung. Sie haben schon angekündigt, das nicht ausschöpfen zu wollen.
Richtig. Generell gibt es in Deutschland keine Wirtschaftsförderung, die bei einer Stadt oder einem Kreis angesiedelt ist, die ihr eigenes Geld verdienen kann; wer das glaubt, ist naiv. Unsere Erfolge zeigen sich in der Regel bei Anderen, und diese sind nur schwer bzw. indirekt nachweisbar. Trotzdem ist Wirtschaftsförderung allgemeiner Konsens, sonst gäbe es vermutlich bundesweit nicht über 400 Wirtschaftsförderungen. Im Vergleich liegen wir mit unserem Etat nicht exorbitant hoch, sondern bewegen uns mit unserem Etat im gesunden Mittelfeld.

Wofür soll das Geld im laufenden Geschäftsjahr verwendet werden?
Neben dem normalen Geschäftsbetrieb werden wir es insbesondere für neue Veranstaltungs- und Marketingformen brauchen. Wir haben unsere neue Homepage dadurch finanziert und mussten neue Technik anschaffen. das geht schnell ins Geld. Außerdem müssen wir Mittel für die eben angesprochene Projektarbeit bereitstellen, wo wir manchmal in Vorleistung treten müssen.

Ein Thema, das den Kreis Viersen seit Jahren beschäftigt, ist das Gewerbegebiet VeNeTe. In puncto Vermarktung gibt es jetzt Veränderungen.
VeNeTe gehört der WFG, und wird zusammen mit der Stadt Nettetal vermarktet. Jetzt gibt es den Wunsch der Stadt Nettetal, dies eigenverantwortlich zu übernehmen – dazu sind wir derzeit in Gesprächen. Wir als WFG aber natürlich weiterhin bereit, die Vermarktung zu unterstützen. werden uns deshalb jedoch nicht sind aus der Vermarktung verabschieden. Das gilt aber für alle Flächen im Kreis, bei denen wir immer bereit sind, diese mit zu vermarkten, sowohl überregional auf Messen als auch auf unserer Internetseite.

Warum tut man sich bislang so schwer, VeNeTe Leben einzuhauchen?
VeNeTe hat eine lange Geschichte. Viele Dinge in der Vergangenheit haben nicht funktioniert, weil u. a. der Autobahnanschluss viel zu spät kam. Dann gab es die große Wirtschaftskrise, von der besonders die Niederlande holländische Unternehmen betroffen waren. Es gibt eine Nachfrage nach VeNeTe, nur die Philosophie, dies kleinteilig zu vermarkten, erlaubt es nicht, jetzt auf einmal Riesenflächen anzubieten. Auch gibt es Wünsche, welche Branchen man dort haben oder nicht haben möchte. Es macht wenig Sinn, dort einen Logistiker mit einer großen Fläche anzusiedeln, der aber im Gegenzug nur fünf Arbeitsplätze schafft. Es war von vorneherein das Prinzip, kleinteilig zu vermarkten, und es vergeht keine Woche, ohne dass wir eine Nachfrage nach VeNeTe haben, auch wenn wir mit solch einem Gebiet beim Wettbewerb um Unternehmen bundesweit Konkurrenz haben. Wenn man sich den Rückgang an verfügbaren Flächen in unserem Kreis beziehungsweise in ganz NRW und gleichzeitig die Entwicklung Venlos vor Augen führt, würde es mich sehr wundern, wenn VeNeTe in den kommenden Jahren nicht sukzessive erfolgreich wird.

Apropos Venlo: Gibt es eine Zusammenarbeit mit dieser Stadt, abgesehen bei der Hochschule Fontys?
Die gibt es. Wir sind mit den Verantwortlichen dort im Gespräch, gemeinsame grenzüberschreitende Projekte anzudenken. Diese guten Beziehungen zu unserer holländischen Nachbarstadt bestehen schon länger, wir möchten diese in Zukunft nun noch intensivieren. Die Zusammenarbeit mit niederländischen Behörden gestaltet sich dabei etwas anders als hierzulande, denn Einrichtungen wie eine Wirtschaftsförderung oder eine IHK gibt es dort nicht. Deswegen ist es relativ schwierig, dort Netzwerke zu knüpfen. Aber das, was schon funktioniert, funktioniert gut und ich denke, in Zukunft wird die Kontaktaufnahme noch einfacher werden, denn der Wille zur Zusammenarbeit ist auf beiden Seiten da.

Herr Dr. Jablonski, wir sitzen jetzt seit einer Stunde zusammen, und aus Ihnen sprudeln Ideen und Ihre Auffassung, wie eine moderne Wirtschaftsförderung funktionieren muss. Ärgert es Sie, dass der Kreis Viersen in den vergangenen Jahren viele Entwicklungen verschlafen hat?
Der Kreis Viersen hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sicherlich andere Schwerpunkte gesetzt.

…was eine höfliche Umschreibung meiner These ist…
(lächelt) Nun, dass eine Wirtschaftsförderung vor 30 Jahren den Schwerpunkt Grundstücksgeschäft hatte, war prinzipiell nicht verkehrt, aber man hat später vielleicht ein wenig den Anschluss verpasst. Ich persönlich mache seit 20 Jahren nichts anderes als Wirtschaftsförderung, von daher habe ich naturgemäß einen anderen Blick auf die Dinge. Wirtschaftsförderung hat viel mit Netzwerken zu tun. Ich sage immer: Man muss dem Zufall eine Chance geben. Als Wirtschaftsförderer brauchen sie den Austausch mit möglichst vielen anderen Akteuren, man sollte wissen, wie Mittelstand funktioniert und erkennen, wo heutzutage die wahren aktuellen Probleme von Unternehmen liegen. Daraus kann man dann etwas formen, wobei es immer schon schwierig war, den Erfolg einer Wirtschaftsförderung zu messen.

Sie sind gebürtiger Berliner, in den vergangenen Jahrzehnten aber viel in Deutschland und der Welt herumgekommen und nun seit sechs Jahren im Kreis Viersen heimisch. Was vermissen Sie aus Berlin am meisten – abgesehen von der Currywurst?
Das mit der Currywurst ist immer ein schönes Klischee, aber die vermisse ich wohl am wenigsten (lacht). Wenn, dann vielleicht das internationale Flair Berlins, aber es wäre unfair, eine Weltstadt mit dem Kreis Viersen zu vergleichen. Ich bin immer noch alle vier bis sechs Wochen privat in Berlin, wo ich regelmäßig die Internationalität, das Kulturangebot und den Trubel einer Metropole genießen kann. Am Niederrhein fühle ich mich sau sehr wohl, und abgesehen davon sind es ja die Menschen, mit denen man zu tun hat und die darüber entscheiden, ob man sich an einem Ort wohlfühlt oder nicht.

„Die „Berliner Schnauze“ zeichnet sich vor allem durch ihre Direktheit aus, und ich gebe zu, dass ich die bei mir oft ein wenig einbremsen muss – ich möchte ja niemanden erschrecken…“

Bringt Ihre „Berliner Schnauze“ im Job Vorteile?
Vermutlich im Rheinland. Die Rheinländer und die Berliner kommen meiner Erfahrung nach sehr gut miteinander aus. Die „Berliner Schnauze“ zeichnet sich vor allem durch ihre Direktheit aus, und ich gebe zu, dass ich die bei mir oft ein wenig einbremsen muss – ich möchte ja niemanden erschrecken (lacht). Viele fordern mich aber auch zum „berlinern“ auf, weil sie das so gerne hören – dann muss ich mich meistens aber schon anstrengen (lacht). Die meisten mögen meine Direktheit, man muss mich aber auch kennen, um das richtig einordnen zu können.

Was macht Ihnen in Ihrem Job am meisten Spaß, und was mögen Sie überhaupt nicht?
Am meisten Spaß machen mir die Freiheit und die Möglichkeit, aktiv gestalten und Prozesse und Projekte anstoßen zu können. Was ich nicht mag, sind Bedenkenträger und Ausbremser, die mir irgendwelche Paragraphen vorhalten und mir erst einmal erklären wollen, was angeblich alles nicht geht.

Dann noch die Kardinalsfrage: Hertha oder Borussia?
Keine von beiden. Ich bin fußballinteressiert und verfolge es, aber kein Fan im klassischen Sinne, auch nicht von einem Verein. Ideologisch Herzlich verbunden bin ich nur unserer Nationalmannschaft.

Was steht für Sie und die WFG im Jahr 2017 noch auf der Agenda?
2017 steht in Sinne der Konsolidierung – nicht der finanziellen, sondern der strukturellen. Die interne Neustrukturierung der WFG sowie die Außendarstellung sind die beiden Themen, die wir bis zum Ende diesen Jahres in den Fokus rücken werden. Unsere Mitarbeiter mitzunehmen und von unserer neuen Ausrichtung zu überzeugen, wird meine Hauptaufgabe in den kommenden Monaten sein. Außerdem werden wir Gesicht zeigen, Flagge zeigen, und zwar bei den Unternehmen vor Ort. In diesem Zusammenhang ist mir sehr wichtig, dass die WFG nicht nur aus Jablonski, sondern aus einem kompetenten Team besteht. Mir persönlich liegt ist es überhaupt nicht wichtig im Mittelpunkt zu stehen; aufgrund meiner neuen Aufgabe gehört das aber nun einmal dazu. Ich finde meine berufliche Befriedigung dadurch, dass andere, insbesondere die kleinen und mittleren Unternehmen und dadurch auch der Kreis und die Politik, den Erfolg haben.

Und was sind Ihre langfristigen Ziele?
Alle Beteiligten wissen, dass man für einen solchen Prozess der Neuausrichtung zwei bis drei Jahre braucht. In den nächsten Jahren Bis zum Jahr 2022 möchte ich erreichen, dass die WFG mit ihren Arbeitsinhalten positiv wahrgenommen wird und ein kompetenter Ansprechpartner für Wirtschaft und Politik im Kreis ist. und etabliert ist wie andere Wirtschaftsförderungen. beispielsweise im Münsterland oder in Mönchengladbach. Daran werden wir in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren jeden Tag arbeiten.

Mit WFG-Geschäftsführer Dr. Thomas Jablonski
sprach Wirtschaftsstandort-Redaktionsleiter Jan Finken

 
ZUR PERSON

Dr. Thomas Jablonski war über 20 Jahre lang als Geschäftsführer von Wirtschaftsförderungen auf Kreisebene, sowohl bei privaten wie öffentlichen Einrichtungen tätig. Für das Bundeswirtschaftsministerium war Jablonski als Geschäftsführer einer privaten Wirtschaftsförderungsgesellschaft im Rahmen eines Pilotprojekts verantwortlich. Direkt nach der Wende war er Projektleiter in der Wirtschaftsförderung. Ganz bewusst habe er sich nach der Maueröffnung für die Mitarbeit beim „Aufbau Ost“ entschieden: „Eine Wahnsinnszeit, die mit Geld gar nicht aufzuwiegen ist.“ 2011 wurde er dann Geschäftsführer des Technologiezentrums Kempen. Ursprünglich war er als Bergbau-Ingenieur und über zehn Jahre lang im internationalen Bergbau tätig.