Mönchengladbach. An der Hochschule Aachen wird intensiv an der Entwicklung eines Lufttaxis, dem sogenannten „SkyCab“, gearbeitet. Die Flughafengesellschaft Mönchengladbach ist in dieser Projektgruppe assoziierter Partner. Der Testbetrieb könnte in zwei bis drei Jahren am Gladbacher Airport durchgeführt werden.

 

Sie sind Geschäftsmann aus Mönchengladbach und wollen einen Termin in Düsseldorf wahrnehmen? Oder Sie sind als Tourist in Köln gelandet und wollen nun mal schnell ’rüber nach Bonn? Wer weiß: Ehe Sie sich dafür über überfüllte Autobahnen quälen, ordern Sie möglicherweise das SkyCab, ein Lufttaxi, mit dem Sie den frustrierten Stauopfern unter Ihnen eine lange Nase drehen…

 

Zugegeben, noch klingt dies nach Science Fiction – nicht aber in den Ohren einer Forschungsgruppe an der Hochschule Aachen, die sich seit einem halben Jahr intensiv mit der Entwicklung eines Lufttaxis beschäftigen. Weil die Forscher an ihre Vision glauben, haben sie dem ScyCab-Projekt auch den Claim „Science. Not Fiction.“ verpasst.

 

 

Und tatsächlich: Was Professor Carsten Braun, Dozent für Luftfahrzeugtechnik an der FH Aachen, und seine Kollegen am Montag bei der ersten Projektpräsentation in der Flugzeughalle der Hochschule zeigten, hatte nicht nur auf den ersten Blick Hand und Fuß, sondern war von vorne bis hinten wissenschaftlich durchdacht.

 

Zielgruppen sind im ersten Step
Geschäftsleute und Touristen

 

Die Aachener Forschungsgruppe, die das SkyCab entwickelt.

Der Grundgedanke zum SkyCab fußt auf dem eingangs beschriebenen Szenario: dem nahenden Verkehrskollaps auf den NRW-Autobahnen. „Unser Bundesland hat ein höheres Verkehrsaufkommen als Baden-Württemberg und Bayern zusammen“, erklärt Maximilian Fischer vom Projektpartner FEV Consulting. Aus diesem Grund habe man auch den Ballungsraum NRW als Testgebiet zugrunde gelegt und dabei elf relevante Routen zwischen sieben größeren Städten – Köln, Düsseldorf, Bonn, Mönchengladbach, Aachen, Dortmund und Essen – ermittelt. Zielgruppen sind im ersten Step Geschäftsleute und Touristen, die bereit wären, bis zu 5 Euro pro Flugkilometer zu bezahlen; bei größerer Nachfrage und entsprechendem Angebot seien Preise zwischen 4 und 2,80 Euro realistisch, so Fischer.

 

Mit dem SkyCab soll ein Pilot bis zu drei Personen von einer Stadt zur nächsten fliegen können; setzt sich die Entwicklung zum autonomen Fahren respektive Fliegen fort, könnten mit dem aktuellen Modell auch vier Passagiere transportiert werden. Der modulare Aufbau würde außerdem den Austausch der Passagier- mit einer Frachtzelle erlauben. Auch ein medizinischer Einsatz als Rettungshubschrauber wäre denkbar..

 

100 Kilometer Reichweite,
240 km/h schnell

 

Laut den Berechnungen der Aachener Forscher müsste die Reichweite ihres SkyCab mindestens 95 Kilometer betragen und 240 Stundenkilometern schnell sein, um als ökonomische Alternative zu Pkw und ÖPNV zu gelten. Anders als bei Auto oder Bahn müsse beim Flugtaxi noch die An- und Abfahrtszeit zum Start- und Landeplatz sowie der Check-in berücksichtigt werden, so Fischer. Wenn man dies tut, sei die Zeitersparnis dennoch frappierend, ergänzt Christoph Hebel, Dozent für Verkehrsplanung und -technik an der FH Aachen. Zur Berechnung hat er sich am Bundesverkehrswegeplan 2030 orientiert. Dieser enthält umfassende Prognosen zur Belastung der Straßen in Deutschland in den nächsten Jahren. „Der Vorteil des Skycab wäre auf den von uns ermittelten Routen im Vergleich zum Auto in zwei Dritteln aller Fälle größer als 50 Prozent“, erläutert Hebel. Gegenüber dem ÖPNV falle der Vorteil nicht ganz so hoch aus, komme aber immer noch in 43 Prozent der Fälle auf einen Vorteil größer als 50 Prozent.

 

 

Kniffligste Aufgabenstellung für die Entwickler ist die Frage des Antriebs und des Gewichts. Das SkyCab soll vertikal starten, und das so leise wie möglich. Ab einer Mindestflughöhe von 600 Metern – so schreibt es die Luftverkehrsordnung vor – soll es mit geringerem Energieaufwand durch Tragflächenauftrieb und Propellern am Heck vorwärts gehen. Die notwendigen Batterien hätten derzeit noch ein Gewicht von 1 400 Kilo; dank der technischen Entwicklung in den kommenden Jahren soll das aber auf unter eine Tonne minimiert werden können – angesichts des angestrebten Gesamtgewichts des SkyCab von drei Tonnen wäre das ein großer Vorteil. Um Zeit zu sparen, würde die Batterie nach einem Flug getauscht statt aufgeladen.

 

Wer hoch fliegt, kann tief fallen: Auch das Worst Case-Szenario, der Absturz des SkyCab, haben die Forscher durchgespielt. Größtmögliche Überlebenschancen der Passagiere soll eine aufblasbare Wabenstruktur, die sich unter der Kabine entfaltet und gut die Hälfte der Aufprallenergie absorbiert, liefern. Weitere 30 Prozent sollen durch die Kabine selbst, die übrigen 20 Prozent durch den Sitz aufgefangen werden.

 

Wie realistisch ist es nun, dass wir in fünf bis zehn Jahren mit dem SkyCab reisen werden? Um weiterforschen zu können, hofft die Hochschule Aachen auf die Bewilligung von Fördergeldern durch das Bundesverkehrsministerium. Damit wären die nächsten drei Jahre Forschungsarbeit gesichert. Schon in zwei Jahren könnte es 2022 den ersten Testflug mit einem maßstabsgetreu verkleinerten Modell geben – möglicherweise auf dem Flughafengelände in Mönchengladbach. Wenn das Flugtaxi als Fortbewegungsmittel etabliert sei, rechne man im Optimalfall in NRW mit 450 000 Fluggästen pro Jahr.

-jfk

 

 

 

 

Fotos: Braunwagner, jfk