Ständig unter Strom, gehetzt, am Anschlag, ausgelaugt: Typische Beschreibungen, die wir nutzen, um unsere akute Gefühlslage im beruflichen Alltag zu beschreiben. Kostendruck, Einsparungen im Personalbereich, Digitalisierung usw. führen dazu, dass wir von einer Herausforderung zur nächsten „rotieren“.

 

Klassischerweise gibt es zwei Ansätze, diesen Anforderungen zu begegnen. Entweder wir strengen uns einfach noch mehr an, ziehen durch und holen das Letzte aus uns heraus. Aktionismus macht sich breit, nach dem Motto: „Es ist viel zu tun, packen wir es an!“ Und so bekommen wir zumindest das Gefühl, die Situation im Griff zu haben und das Ziel irgendwann erreichen zu können.

 

Oder wir machen genau das Gegenteil: Wir ziehen uns raus, distanzieren uns von der Situation, nehmen uns eine Auszeit und geben der Erschöpfung einen gewissen Raum, bis wir wieder aufgetankt haben. So hangelt sich manch einer von einem Urlaub zum nächsten.

 

Diese Entspannung hält oftmals leider nicht lange an. Schon nach den ersten Tagen scheinen der Urlaub und alle gefassten guten Vorsätze zur Entschleunigung in weiter Ferne, das Gefühl, vom Alltag überrollt zu werden, stellt sich ein. Und so befinden wir uns schnell in einer Art Spirale aus Aktionismus – Erschöpfung – noch mehr Aktionismus – und noch mehr Erschöpfung. Das Problem an dieser Spirale ist, dass wir allzu oft nur noch reagieren, aber nicht mehr bewusst agieren.

 

Doch was ist der Ausweg? Mein Vorschlag: Folgen Sie einmal nicht Ihren gewohnten Impulsen, um selbstbestimmter durch das Arbeitsleben zu navigieren. Hier meine drei Favoriten:

 

Beginnen Sie etwas Neues!

Noch etwas Neues oben drauf packen zu dem ohnehin vollen Terminkalender? Hört sich paradox an, oder? Ja, man könnte sagen paradox oder kontraintuitiv, da wir wider der Intuition handeln. Doch unser Geist ist von Natur aus unruhig, unser Gehirn ist ständig aktiv und beschäftigt sich mit den Themen, auf die wir uns fokussieren. Wenn wir uns konstant auf stressbehaftete Themen konzentrieren, entstehen im Gehirn sehr starke neuronale Verbindungen – neuronale „Autobahnen“ – die schnell aktivierbar sind und bei jeder Nutzung noch besser ausgebaut werden.

 

Wenn sich meine Gedanken also stets um die stressbesetzten Themen drehen, ist klar, dass es irgendwann kaum noch Alternativen zwischen der Autobahn „Ich arbeite bis zum Anschlag“ oder „Ich bin erschöpft und nehme mir eine Auszeit“ gibt. Wir benötigen eine Alternative – ein neues Verhaltensmuster, das uns hilft, aus dieser Spirale herauszukommen, bewusst unsere eigenen Wege einzuschlagen und mit der Zeit aus kleinen Trampelpfaden breite Autobahnen zu bauen.
Vielleicht gibt es ein lang vergessenes Interesse, eine Passion für etwas. Ein Instrument, welches Sie schon lange nicht mehr in der Hand hatten. Eine Sportart, die Sie früher begeistert hat. Vielleicht wollten Sie schon lange eine neue Sprache erlernen? Vielleicht gibt es ein berufliches Projekt, das in Vergessenheit geraten ist, weil Sie im Alltag zu sehr von den dringenden Tätigkeiten eingenommen wurden und die wichtigen Dinge aus dem Blick geraten sind. Welche Tätigkeit gibt Ihnen das Gefühl der Sinnhaftigkeit? Wo spüren Sie sich mit Ihren Fähigkeiten und Ihrer Passion wohl?

 

Vermeiden Sie Multi-Tasking!

Wieso? Multi-Tasking ist doch gut, oder? Nein, aus neuropsychologischer Sicht ist Multi-Tasking Gift für unser Gehirn. Unser Arbeitsgedächtnis kann nur eine begrenzte Zahl von konkurrierenden Signalen verarbeiten, somit wird die Arbeitsleistung schlechter und die Fehlerquote höher. Da der ständige Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben für unser Gehirn äußerst energieaufwändig ist, versetzen wir das Gehirn in einen dauerhaften Stressmodus, der dazu führt, dass wir uns nicht nur subjektiv gestresster fühlen, sondern damit auch objektiv die Gehirnleistung reduzieren. Langfristig kann sogar der IQ darunter leiden.

 

Versuchen Sie einmal eine Aufgabe von Anfang an bis Ende durchzuführen und erst dann mit der nächsten Aufgabe zu starten. Unmöglich? Beobachten Sie einmal selber, wie oft Sie im Alltag bei einer Tätigkeit unterbrochen werden und somit mit Ihrer Aufmerksamkeit hin- und her wechseln müssen. Welche dieser Unterbrechungen kommen von außen? Welche davon sind vermeidbar? Müssen Sie wirklich in jeder Sekunde verfügbar sein für die Fragen von Kollegen, oder können Sie zum Beispiel feste Sprechzeiten vereinbaren? Noch interessanter ist die Frage, welche dieser Unterbrechungen von innen – also von Ihnen selbst kommen. Wie oft schauen Sie aufs Handy? Wie oft machen Sie dies ohne äußeren oder zwingenden Anlass? Wie oft checken Sie Ihr E-Mail-Postfach? Oft ergeben sich hier ungeahnte Potenziale, die Anzahl der Unterbrechungen zu reduzieren und somit fokussierter und „energieschonender“ die wichtigen Aufgaben abzuarbeiten.

 

Nutzen Sie Pausen zur Reflexion!

Oftmals machen wir erst dann eine Pause, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Wenn wir uns schon total erschöpft fühlen und es einfach nicht mehr anders geht. Während einer turbulenten Arbeitsphase eine Reflexionspause einzulegen, fühlt sich so an wie auf der Autobahn den Rückwärtsgang einzulegen. Doch gerade in diesen kurzen „Aktivpausen“ haben Sie die Möglichkeit, bewusster wahrzunehmen, was eigentlich gerade los ist, wie es Ihnen geht, was gut läuft und wo die Zeitfresser liegen. Mit diesen Erkenntnissen können Sie danach umso mehr wieder Ihre PS auf die Straße bringen!

 

Noch wirksamer ist es, wenn Sie von Zeit zu Zeit nicht nur alleine reflektieren, sondern dieses mit Ihrem Team gemeinsam machen. Teams, die in der Lage sind, sich regelmäßig zu hinterfragen und daraus zu lernen, sind sehr viel leistungsfähiger, haben weniger Stress und mehr Spaß auf der Arbeit.

 

Was sind Ihre Ideen, um bei nächster Gelegenheit die Autobahnausfahrt zu nehmen? Ich freue mich auf Ihr Feedback!

 

 

DIE EXPERTIN
Susanne Stock arbeitet seit Jahren als systemische Beraterin und Führungskräfte-Coach. Nach dem Studium der Psychologie mit den Schwerpunkten Arbeits- und Organisationspsychologie folgte eine mehrjährige Tätigkeit als Projektleiterin in einem global operierenden Konzern, wo sie für die Konzeption und Durchführung globaler Entwicklungsprogramme für Führungskräfte aller Hierarchieebenen verantwortlich war. Susanne Stock hat langjährige Beratungs- und Trainingserfahrung mit multikulturellen und virtuellen Teams. Für die Durchführung von Führungskräfte-Workshops reist sie regelmäßig nach Asien, in die USA und Europa.

 

KONTAKT
Susanne Stock
Lärchenhain 6
41844 Wegberg
susanne.stock@leadroom.de
www.leadroom.de

 

„Neuronale Autobahn: Nehmen Sie die nächste Ausfahrt!“ ist ein Beitrag
aus der aktuellen 
Ausgabe von Wirtschaftsstandort Mönchengladbach
Hier geht es zur kompletten ePaper-Ausgabe.

Teilen