Anlässlich ihrer Gründung 1977 feierte die IHK Mittlerer Niederrhein 40 Jahre „Kammer-Ehe“: Präsident Elmar te Neues (rechts) und IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz schneiden die Torte an. Foto: IHK Mittlerer Niederrhein

 

Niederrhein. „Es war keine Zwangsehe – aber Liebe auf den ersten Blick war es sicherlich auch nicht.“ Mit diesen Worten kommentierte IHK-Präsident Elmar te Neues den Zusammenschluss der Industrie- und Handelskammern Krefeld, Mönchengladbach und Neuss zur IHK Mittlerer Niederrhein vor 40 Jahren. „Diese vier Jahrzehnte waren für die IHK und für unsere Region eine Erfolgsgeschichte, zu der viele beigetragen haben“, ergänzte IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz. „Dafür möchten wir uns heute bedanken.“ Anlässlich ihres Gründungstages hatte die IHK im Anschluss an die Sitzung der Vollversammlung zu einem Sommerfest eingeladen.

Elmar te Neues erinnerte an die besonderen Umstände der Fusion: „Der Zusammenschluss von Industrie- und Handelskammern wurde Anfang der 70er-Jahre in Nordrhein-Westfalen zum Trend.“ Verschiedene Fusionsmodelle wurden diskutiert, unter anderem auch ein Zusammengehen mit Aachen, Düsseldorf oder Wesel. „Nach vielen Sitzungen, Gesprächen und Briefen bahnte sich dann aber doch die Verbindung an, die wir heute als IHK Mittlerer Niederrhein kennen“, so te Neues. „Der neue Kammerbezirk sollte die kreisfreien Städte Krefeld und Mönchengladbach sowie die Kreise Neuss und Viersen umfassen.“

Mit Dr. de Weldige-Cremer, dem ersten Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein, war auch einer der maßgeblichen Akteure der „Kammer-Hochzeit“ von 1977 zu Gast beim Sommerfest. „Man kann sagen, dass Sie als Trauzeuge ein glückliches Händchen gehabt haben“, bedankte sich te Neues.

Anschließend blickte er auf wesentliche Meilensteine der IHK-Arbeit zurück: „Damals wie heute ist die Duale Berufsausbildung eines der wichtigsten Themen für uns. 516.000 Menschen haben in den vergangenen vier Jahrzehnten eine IHK-Prüfung gemacht.“ Te Neues erinnerte an die Erfolgsgeschichte des von der IHK initiierten dualen Studiums, das als Krefelder Modell in ganz Deutschland bekannt wurde.

Neben der beruflichen Bildung gehörte der Einsatz für eine leistungsfähige Infrastruktur und ein ausreichendes Angebot an Gewerbeflächen zu den Daueraufgaben der vergangenen 40 Jahre. Te Neues nannte beispielhaft die Initiative „Zukunft durch Industrie – Krefeld“, die Gründung der Metropolregion Rheinland und die Aktion „Heimat shoppen“ als weitere Meilensteine der vielfältigen IHK-Arbeit.

„Nach diesem Rückblick stellt sich die Frage: Was haben wir von den kommenden vier Jahrzehnten zu erwarten?“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz zur Begrüßung der Trend- und Zukunftsforscherin Birgit Gebhardt. „Wie entwickeln sich Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Gesellschaft angesichts des demografischen Wandels, einem veränderten Mobilitätsverhalten, fortschreitender Digitalisierung und Industrie 4.0?“

Gleich zu Beginn ihres Vortrags machte die Hamburger Trendforscherin eines unmissverständlich klar: „Die Digitalisierung, wie wir sie heute erleben, ist weit mehr als nur ein weiteres Update, wie manche glauben.“ Vielmehr würden herkömmliche Fertigungsprozesse und Handelsmodelle grundlegend infrage gestellt. Nicht mehr die Produkte seien entscheidend, sondern die Daten der Konsumenten. „Damit wird demnächst das Geld verdient.“ Amazon, Google und Co. bezeichnete Gebhardt als „gatekeeper“ dieses Datenschatzes. „Die Macht dieser Unternehmen wird noch zunehmen – darauf sollten wir uns einstellen.“

Sie schilderte die Eindrücke von ihrer jüngsten Reise ins Silicon Valley. „Deep Learning“ sei das alles beherrschende Thema. „Es geht darum, Maschinen intelligent zu machen – das treibt alle großen Unternehmen um.“ Nachdem Roboter den Menschen die körperliche Arbeit abgenommen hätten, gehe es jetzt darum, dass die Maschinen die geistige Arbeit der Menschen übernehmen. „Operationsroboter sind heute besser als der Mensch in der Lage, komplexe und schwierige medizinische Eingriffe zu tätigen“, beschrieb Gebhardt ein Beispiel. „Ein solcher Roboter kann hier, in Krefeld, operieren und dabei von überall in der Welt aus gesteuert werden.“

Für die Arbeitswelt seien die Folgen des digitalen Wandels gravierend. „Digitalisierung bedeutet vor allem Vernetzung“, so Gebhardt. „In der Arbeitswelt der Zukunft werden Hierarchien und interdisziplinäre Gräben an Bedeutung verlieren, Kollaboration, Verhandeln und Austarieren dagegen immer wichtiger.“

IHK-Vollversammlung verabschiedet neues Leitbild: Kleine und mittlere Unternehmen im Fokus

Die Vollversammlung der IHK Mittlerer Niederrhein hat in ihrer jüngsten Sitzung ihr Leitbild für die Jahre 2017 bis 2021 verabschiedet. Unter dem Titel „Unsere IHK. Das sind wir. Das machen wir“ hat die IHK strategische Ziele formuliert, die sie sich für die kommenden Jahre gesetzt hat. Die Förderung der Dualen Berufsausbildung und der Kampf gegen den Fachkräftemangel spielen dabei eine zentrale Rolle. Als „Stimme der Wirtschaft“ wird sich die IHK darüber hinaus für Existenzgründer, die Internationalisierung des Standorts Niederrhein und die Innovationsfähigkeit der Unternehmen engagieren. Die IHK hat sich den Einsatz für eine sichere, wettbewerbsfähige und umweltverträgliche Energieversorgung ebenso auf die Fahne geschrieben wie für den Ausbau der Infrastruktur und für die Verfügbarkeit von Gewerbeflächen. Ein eigenes Kapitel des neuen Leitbilds ist der Digitalisierung gewidmet. Die IHK wird die Betriebe dabei unterstützen, sich auf den digitalen Wandel einzustellen.

„Das Leitbild ist für die strategische Ausrichtung unserer Arbeit in der neuen Wahlperiode von wesentlicher Bedeutung“, erklärte IHK-Präsident Elmar te Neues. „Auf dieser Grundlage entwickeln wir Projekte und Dienstleistungen, daran lassen wir uns messen.“ Das Leitbild wurde im Rahmen eines Workshops von den Mitgliedern der Vollversammlung erarbeitet und formuliert – von Unternehmern für Unternehmer. „Mit dem neuen Leitbild möchten wir uns noch mehr als bisher als Dienstleister für kleine und mittlere Unternehmen positionieren“, betonte IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz. So werden das Angebot „IHK vor Ort“ ausgebaut, die verschiedenen Dienstleistungen intensiver als bisher und zielgenauer kommuniziert. „Darüberhinaus werden wir einen Arbeitskreis speziell für kleine und mittlere Unternehmen gründen, um somit noch schneller passende Dienstleistungen für diese Zielgruppe entwickeln zu können“, erklärte Steinmetz.

Zehn-Punkte-Programm für Europa vorgestellt

Außerdem hat Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz im Rahmen der Vollversammlung ein Zehn-Punkte-Programm „Europa“ vorgestellt. „Die Finanz- und Schuldenkrise ist noch nicht überwunden, Großbritannien hat seinen Austritt aus der EU erklärt, und in vielen Staaten erhalten populistische und europafeindliche Parteien regen Zulauf – dabei ist die Europäische Union das Fundament für Frieden und Wohlstand in Europa und damit auch für unsere Region existenziell“, erklärte Steinmetz. Der gemeinsame Markt ohne Binnengrenzen, der den freien Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital ermögliche, sei insbesondere für die Wirtschaft am Niederrhein mit ihrer hohen Exportquote von großer Bedeutung. „Die Vorteile und Errungenschaften der Europäischen Union wollen wir den Mitgliedsunternehmen und der Öffentlichkeit vor Augen führen – ohne dabei berechtigte Kritik und den Reformbedarf der EU zu ignorieren“, sagte Steinmetz und stellte eine Reihe von Aktionen und Projekten vor.

So sollen europapolitische Fragestellungen – etwa die Zukunft der Währungsunion – im Rahmen von Veranstaltungen und in den Medien der IHK intensiver als bisher thematisiert werden. „Außerdem wollen wir den Austausch zwischen hiesigen Unternehmern auf der einen und Mitgliedern des Europäischen Parlaments sowie Vertretern von EU-Institutionen auf der anderen Seite intensiver fördern. Beispielsweise planen wir eine Exkursion nach Brüssel“, erklärte Steinmetz. Darüber hinaus stellte er ein verstärktes Engagement der IHK in der Euregio sowie eine grenzüberschreitende Ausbildungsinitiative in Aussicht.

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