Kreis Viersen. Die Tourismusbranche ist heutzutage ein wichtiger Wirtschaftszweig, vor allem für Städte und Kommunen. Der Kreis Viersen hat dies längst erkannt und mit der Niederrhein Tourismus GmbH dieses Thema schon vor Jahren in eine eigene Gesellschaft überführt. Welche Ziele sie in Zukunft verfolgen erklären Dr. Thomas Jablonski, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises Viersen, und Martina Baumgärtner, Geschäftsführerin der Niederrhein Tourismus GmbH, im großen Interview  mit dem Wirtschaftsstandort.

 

Frau Baumgärtner, bei der diesjährigen internationalen Tourismus-Messe ITB in Berlin hat die Niederrhein Tourismus GmbH ihren neuen Claim auf großer Bühne der Öffentlichkeit vorgestellt: `So gut.So weit.´ Was steckt dahinter?

Martina Baumgärtner: Der Slogan war einer der Vorschläge unserer PR-Agentur, die wir im Rahmen der Markenbildung beauftragt hatten. Insgesamt hatten 130 Vorschläge bekommen, die wir gemeinsam diskutiert und anhand unserer Werte, unserem Stil und unserer Markenessenz, die wir mit allen Beteiligten – unter anderem den Betrieben in der  Region – erarbeiten konnten, vorsortiert haben. `So gut´ bildet das Thema Qualität ab, die durchaus vorhanden ist. `So weit´ steht für unsere Markenessenz `Freiraum´, die wir uns auf die Fahne geschrieben haben – Freiraum im Denken, im Bewegen, in der Auswahl von Angeboten in jeglicher Hinsicht.

 

Arbeiten an der Qualität – in welcher Hinsicht ist das gemeint?

Baumgärtner: Qualität der Angebote, Qualität der Produkte! Mit Qualität sind dabei zum Beispiel auch Instandhaltungen von Radfahrwegen und Wanderwegen gemeint; gepflegte Rad- und Wanderwege sind schließlich auch ein Qualitätsmerkmal einer Region. Beim Thema Radfahren haben wir uns seit rund 14 Jahren eine hohe Kompetenz erarbeitet, möchten im Ranking aber natürlich gerne noch ein paar Plätze nach vorne rutschen und künftig als die Radregion schlechthin wahrgenommen werden. Das muss das Ziel sein. Wir wollen zusätzlich auch mit den Betrieben beraten, wie sie die Qualität ihrer Dienstleistungen oder Services weiter steigern können, um den Komfort und den Aufenthalt unserer Gäste so angenehm wie möglich zu gestalten.

 

Gibt es bestimmte Zielgruppen, die Sie mit der Marke Niederrhein ansprechen wollen?

Baumgärtner: Klassische Zielgruppen, die etwa nach Alter, Familienstand, Beruf und Einkommen eingeteilt sind, haben wir für uns gar nicht mehr defi niert. Uns interessiert vielmehr: Welche Bedürfnisse haben die Menschen heutzutage? Welchen Lebensstil pflegen sie? Wie informieren sie sich? Welche Medien nutzen sie dafür? Das sind Fragen, denen wir nachgehen und anhand derer wir unser Zielgruppen-Marketing ausrichten.

 

„Wir möchten als die Radregion schlechthin wahrgenommen werden“
Martina Baumgärtner

 

Welche Regionen sind werbetechnisch für Sie interessant?

Baumgärtner: In erster Linie Nordrhein-Westfalen und der Ballungsraum Ruhrgebiet, in dem 5,6 Millionen Menschen leben. Wir sind, das darf man nicht vergessen, nach wie vor keine klassische Urlaubsdestination, in der man zehn bis 14 Tage verbringt. In der Marktforschung gilt erst alles ab einer Woche Aufenthalt als Urlaub, darunter spricht man von Kurzreisen. Die Aufenthaltsdauer von Urlaubern bei uns liegt im Schnitt bei 2,5 Nächten. Das wollen wir steigern und dafür die Dichte an Angeboten für Urlauber so aufbereiten, die für sie ein Anlass ist, auch mal eine Woche bei uns in der Region zu verbringen.

 

„Wir bieten Ihnen 365 Tage im Jahr Erlebnisse, die Sie nicht vergessen werden“, heißt es auf Ihrer Webseite – ein großes Versprechen. Was wollen Sie damit ausdrücken?

Baumgärtner: Es ist ein neuer Anspruch an uns selbst. Wir wollen uns nicht mehr nur auf klassische Outdoor-Aktivitäten wie Wandern oder Radfahren konzentrieren, sondern künftig auch den Herbst und Winter bei uns interessant machen – sei es mit kuscheligen Nachmittagen oder Abenden in unseren Bauernhof-Cafés, in unseren Wellness-Oasen oder mit guten Angeboten im Bereich Essen und Trinken. Wir wollen Highlights wie unsere tollen Kunsthandwerker- und Weihnachtsmärkte mehr in den Fokus rücken, alles eng verknüpft mit dem Motto `Lebensfreude am Niederrhein´. Wir sind gerade unterwegs, um dafür mit unseren Betrieben entsprechende Angebote aufzustellen.

 

Herr Dr. Jablonski, warum ist eine starke Niederrhein Tourismus GmbH wichtig für die Wirtschaftsförderung im Kreis Viersen?

Dr. Thomas Jablonski: Die Branche Tourismus ist für sich genommen extrem wichtig für den kompletten Wirtschaftsstandort Niederrhein und damit auch den Kreis Viersen. Es gibt unsere eigenständige Gesellschaft, um die Bedeutung des Thema Tourismus noch Vehikel ist außerdem eine überregionale Zusammenarbeit mit anderen Städten oder Kreisen viel besser möglich. Wir brauchen Expertise in Sachen Tourismus, um darüber einen Bekanntheitsgrad zu entwickeln, damit man uns auf der Karte überhaupt fi ndet. Wir freuen uns immer, wenn der Niederrhein in der Wettervorhersage vorkommt, denn bessere Werbung gibt es nicht, weil einfach mal der Name genannt wird. Wenn der Begriff Niederrhein fällt, müssen Menschen damit bestimmte Bilder assoziieren – daran arbeiten wir. Ein höherer Bekanntheitsgrad unserer Region ist ein Mehrwert für die hier ansässigen Unternehmen.

 

Mehrwert für Betriebe im Bereich Gastronomie?

Dr. Jablonski: Auch, aber ich denke vor allem an die klassischen mittelständischen Unternehmen, familiengeführte Betriebe, die hier möglicherweise seit Generationen beheimatet sind oder die stetig wachsen. Ihnen wollen wir mit unserer Marke Niederrhein eine Chance geben, sich publikumswirksam zum Standort zu bekennen nach dem Motto: Wir sind stolz, dass wir hier leben und arbeiten. Dafür müssen wir ein Bild von der Region zeichnen, auf das man auch stolz sein kann. Wir müssen die Vorzüge der Region offensiv darstellen und mit ihnen werben. Es ist unheimlich schwierig, den Niederrhein klar zu definieren; er fängt im Grunde bei der Millionenstadt Köln an und hört im ländlich geprägten Kreis Kleve auf. Für diese Defi nition müssen wir Emotionen wecken und Bilder zeichnen, die in den Köpfen bleiben.

Baumgärtner: Touristisches Marketing kann man gar nicht mehr vom Standortmarketing trennen, beides gehört zusammen. Tourismus schafft die emotionalen, aber auch die infrastrukturellen Werte, weil Menschen diese einfordern, wenn sie in eine Region kommen, um Lebensqualität zu gewinnen. Z.B. antizyklisch zur Arbeit zu fahren und keine Staus mehr zu haben. In einem netten, grünen Umfeld zu arbeiten. Und vielleicht führt all` das am Ende dazu, dass die Menschen sich auch hier niederlassen wollen. Die weichen Faktoren mit den Standortfakten kommunizieren, kann sicher eine Region interessant machen. Aus diesen Gründen können wir mit Fug und Recht behaupten, dass wir von der Niederrhein Tourismus GmbH eine Menge zum Standortmarketing beitragen.

 

Wie fallen die bisherigen Reaktionen auf den neuen Markenprozess aus?

Dr. Jablonski: Ausnahmslos positiv. Wir hatten noch nie so viel Resonanz auf unsere Veranstaltungsreihe `Forum Mittelstand´, wie als wir dieses Thema zusammen mit Zukunftsforscher Andreas Reiter aus Wien, der uns bei dem Prozess beratend zur Seite gestanden hat, vorgestellt haben. Das Forum war voll, es gab unheimlich viele Anfragen und neue Kontakte. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir schon einmal mit einem anderen Thema so den Nerv der Menschen und Unternehmen hier in der Region getroffen haben.

Baumgärtner: Wir sind nun dabei, sogenannte touch points, Berührungspunkte zu finden, um die Marke sichtbar zu machen. Wir werden uns step by step in den einzelnen Kreisen Partner suchen, mit denen das sofort und unkompliziert – übrigens auch ein Attribut der Marke – umzusetzen ist. Wir wollen die Marke nach außen zeigen und für den Gast sichtbar machen. Das geschieht auf den verschiedensten Wegen: Auf dem Gästeführer der Stadt Brüggen ist unser Logo drauf, Niederkrüchten will nachziehen. Wir haben die Show `Holiday on Ice´ als Markenbotschafter gewinnen können, die vom 27. November bis 1. Dezember 2019 im Grefrather EisSport & EventPark gastieren wird.

 

Das große positive Feedback und Aussagen wie das eben erwähnte „Wir bieten 365 Tage im Jahr unvergessliche Erlebnisse“ lassen auf ein neues Selbstbewusstsein der Region schließen…

Baumgärtner: Absolut. Und das ist ja im Grunde auch das, was uns Andreas Reiter bestätigt hat: Das Potenzial in der Region ist da, wir müssen es nur mit viel mehr Selbstvertrauen nach außen transportieren. Er riet uns, an unseren Stärken und nicht an unseren Schwächen zu arbeiten.

 

Wird es weitere Berührungspunkte mit Zukunftsforscher Andreas Reiter geben?

Baumgärtner: Wir werden ihn sicherlich zu ein oder zwei Workshops im Jahr einladen, damit er unseren Markenprozess unabhängig von außen beleuchtet und uns die Frage beantwortet: Sind wir noch auf dem richtigen Weg? Es besteht immer die Gefahr, dass man bei solch einem langen Vorgang von seiner ursprünglichen Strategie abweicht und die ein oder andere Kurve dreht. Das verwässert den Markenkern, und das wollen wir vermeiden.

 

Martina Baumgärtner, Dr. Thomas Jablonski und Wirtschaftsstandort-Redakteur Jan Finken trafen sich im TZN in Kempen zum Gespräch.

 

Der Schulterschluss mit der heimischen Wirtschaft ist ein zentrales Anliegen bei der Markenbildung. Wie können sich Unternehmen konkret einbringen?

Dr. Jablonski: Partner, die uns auf diesem Weg bereits seit langem, können bereits mit unserem Logo werben. Andere interessierte Unternehmen können gegen eine geringe Gebühr die Lizenz erwerben, mit der Marke das eigene Profi l zu schärfen und ein Bekenntnis zum Niederrhein abzulegen. Diese Unternehmen sollten mindestens zwei bis drei Attribute, die wir über die Marke definiert haben, selbst besitzen. Wir haben in dieser Beziehung einen hohen Qualitätsanspruch und wollen mit der Vergabe der Lizenzen auch eine gewisse Exklusivität garantieren.

 

Sehen Unternehmen jetzt auch die Notwendigkeit, sich an solchen Prozessen zu beteiligen, weil sie auf der Suche nach Fachkräften sind? Und nutzen solche  öffentlichkeitswirksamen Marken als Mittel zum Zweck?

Dr. Jablonski: Unbedingt. Das ist ja das Riesenthema bei uns: Wie finden Unternehmen von kleiner oder mittlerer Größe noch Mitarbeiter? Wie können sie noch wahrgenommen werden? Denn geht darum geht es, um Wahrnehmung: Mittelständische Betriebe haben doch kaum noch eine Chance, sich gegen große Konzerne oder Unternehmen in Ballungsräumen durchzusetzen. Mit unserer Niederrhein-Marke haben sie die Gelegenheit, sich ein positives Image zu verschaffen und auf diese Weise wahrgenommen zu werden. Je mehr sie nutzen, umso besser; ich hoffe hier ganz stark auf ein Gemeinschaftsgefühl, das sich entwickeln könnte. Der Phantasie, wie man die Marke als Unternehmen zusätzlich mit Leben füllen kann, sind hier keine Grenzen gesetzt.

Mit WFG-Geschäftsführer Dr. Thomas Jablonski und Martina Baumgärtner,
Geschäftsführerin der Niederrhein Tourismus GmbH, 
sprach Wirtschaftsstandort-Redaktionsleiter Jan Finken

 

Fotos: Andreas Baum

 

KONTAKT
Niederrhein Tourismus GmbH
Willy-Brandt-Ring 13
41747 Viersen
info@niederrhein-tourismus.de
www.niederrhein-tourismus.de

 

„„Tourismus schafft die emotionalen Werte für das Standortmarketing““ ist ein Beitrag aus
der 
aktuellen Juni-Ausgabe des Magazins Wirtschaftsstandort Kreis Viersen
Die komplette Ausgabe gibt es hier als ePaper-Download.

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